Dieter Wellershoff - Der Liebeswunsch

Originaltitel: Der Liebeswunsch
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2000
397 Seiten, ISBN: 3462029398

4 Wochen auf eine leerstehende Villa zu achten hörte sich nach genau dem Ferienjob an, den Anja gesucht hatte. In dieser Zeit konnte sie an ihrer Magisterarbeit weiterschreiben, bei der sie einfach nicht voran kam - und dabei noch das nötige Kleingeld zu verdienen, kam gerade recht.

Leonhard, ein Freund des verreisten Ehepaares, hatte sie an ihrem ersten Abend dort gesehen, und danach angefangen, sich um sie zu kümmern, sie zum Essen einzuladen, kurz: ihr den Hof zu machen. Und noch ehe seine Freunde aus dem Urlaub zurück sind, hat er sie gebeten, seine Frau zu werden. Und sie hat eingewilligt.

Als Marlene und Paul von dieser Neuigkeit erfahren, sind sie zwar sehr überrascht, aber auch erleichtert; diese Ehe würde dem fragilen Freundschaftskonstrukt etwas mehr Gleichgewicht verleihen, hoffen sie. Denn diese Freundschaft war bereits auf eine harte Probe gestellt worden: Marlene war ursprünglich Leonhards Freundin, Paul sein bester Freund - der für Marlene seine Frau und die Kinder verlassen hatte.

Abende zu viert werden nun inszeniert, gemeinsame Ausflüge, Romméabende; doch all das vermag langsam nicht mehr zu übertünchen, dass die Ehe zwischen Anja und Leonhard ein Fehlschlag ist. Pedantisch und konservativ, wie er ist, hat er kein Verständnis für ihre Labilität; umgekehrt schüchtert er sie ein und versteht es nicht, ihre Liebe zu gewinnen.

Ein gemeinsamer Urlaub in Florida ist dann der Auslöser für den großen Riss: Paul spannt Leonhard ein zweites Mal die Frau aus, beginnt ein Verhältnis mit Anja. Leonhard bemerkt nichts davon. Doch Marlene erkennt die Zeichen - war vor nicht allzulanger Zeit doch sie es, die auf der anderen Seite stand....

Beginnen wir mit den Kleinigkeiten, die mir an diesem Roman nicht ganz so gelungen erscheinen. Dass man schon von Beginn an weiß, Anja wird sich umbringen ist das Eine; das eine oder andere Detail, das nicht völlig in sich schlüssig ist.

Das wars aber auch schon. Ansonsten bin ich nämlich schwer begeistert von diesem Roman! Eine wunderbar klare, einfache Sprache, die auf Metaphern-Überladung verzichtet, sehr kluge, feine Beobachtungen, ein psychologisch packendes Thema.

Auch wenn keine einzige der Figuren wirklich sympathisch wird, hegt man als Leser doch für alle Beteiligten Mitleid, weil sie aus ihrer Haut nicht können, weil sie blind sind für das, was um sie herum vorgeht, weil keiner von ihnen es schafft, glücklich zu werden.

Für mich eine der besten Neuerscheinungen des Jahres 2000!

Dieter Wellershoff

Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren, schrieb Romane, Erzählungen und Essays, Filmdrehbücher und Hörspiele. Er lebt in Köln.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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