Sarah Waters - Solange du lügst

Originaltitel: Fingersmith
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2003
550 Seiten, ISBN: 3746621216

Zugegeben: wäre Sarah Waters mit "Fingersmith" nicht 2002 auf der Shortlist für den Booker Prize gelandet, ich hätte anhand der Klassifizierung als "viktorianisch-lesbischer Liebesroman" mit ziemlicher Sicherheit nicht zu diesem Buch gegriffen. Und ich hätte damit ein Buch verpasst, in dem ich Stunden in einer fremden Welt abtauchen konnte, gespannt dem Schicksal der Protagonisten folgte und mich von den Volten der Handlung aufs angenehmste überraschen und erstaunen lassen konnte.

Aber von Anfang an: Sue Trinder wächst als Waise bei Mrs. Sucksby und Mr. Ibbs auf. Anders als die anderen Waisen, die hier in ununterbrochener Reihe aufgezogen, verkauft, weggegeben werden, hat sie ihr ganzes Leben hier verbracht, wird gehalten, als wäre sie Mrs. Sucksbys eigenes Kind. Sue hat gelernt, wie man Monogramme aus Spitzentaschentüchern entfernt, wie man Diebesgut unkenntlich macht, Qualität bewahrt und Gewinn daraus schlägt. Immer ist man in diesem Haushalt auf der Hut vor der Polizei, vor Verrat - auch an diesem einen Abend, der Sues Schicksal entscheidend verändern sollte, war man eher auf Durchsuchung gefasst als auf Besuch von Gentleman, einem Ganoven aus gutem Hause.

Gentleman hatte einen ganz großen Fisch an der Angel: eine junge Frau, die nach ihrer Heirat ein Vermögen zur Verfügung hätte, das Gentleman sich unter den Nagel zu reißen gedachte. Es gab nur einen Haken: die junge Dame wurde so behütet, dass es kaum Gelegenheit gab, ihr Herz zu gewinnen. Immer war ihre Zofe anwesend; und hier sollte nun Sue ins Spiel kommen. Sie sollte diese Zofe ersetzen, ihre Rolle als Anstandsdame aber nicht sonderlich ernst nehmen. Solange, bis Maud, die vermögende junge Dame, in die Flucht- und Heiratspläne einwilligte. Und dann - sobald Gentleman über das Geld verfügen konnte, wollte man Maud auf elegante Weise loswerden...

Weiter zu erzählen hieße, bereits eine der überraschenden Wendungen vorwegzunehmen, die mein Lesevergnügen ausgemacht haben. Sarah Waters hat sich mit Sprache und Erzähltempo der Zeit angepasst, in die sie die Handlung verlegt hat; man erlebt die Geschichte jeweils aus dem eingeschränkten Blickwinkel und Wissensstand der wechselnden Erzählerin mit, was besonders bei den Überschneidungen interessant wird, wenn eine Geschichte unter verschobenen Gesichtspunkten bekannt wird. Manchmal wird diese Doppelerzählung aber auch ein wenig zu lang; das ist einer meiner leisen Kritikpunkte an dem Buch, das und das nicht hundertprozentig logische Ende - doch diese kleinen Mängel verzeiht man gerne. Ich habe mich großartig unterhalten!

Sarah Waters

Sarah Waters wurde 1966 in Wales geboren. Sie lebt in London. Für ihre beiden vorherigen Romane gewann sie den New York Times Notable Book, den Somerset Maugham Award, den Sunday Times Young Writer of the Year Award und andere mehr. Mit FINGERSMITH war sie auf der Shortlist für den Booker Prize 2002.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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