Herbjorg Wassmo - Die siebte Begegnung

Originaltitel: Det sjuende mote
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2002
570 Seiten, ISBN: 3630871135

Der wohlhabende Kaufmannssohn, das arme Bauernmädel - zwei, die sich lieben, aber nicht zueinander finden können. So könnte man den Inhalt des immerhin fast 600 Seiten starken Werkes der norwegischen Bestsellerautorin wenig wohlmeinend zusammenfassen.

Und anfangs wirkt es auch so, als müsste man sich trotz aller Bemühungen der Autorin auf diese Geschichte beschränken; auf die beiden Einzelgänger, die sich als Kinder durch Zufall auf der Straße treffen, was darin gipfelt, dass er, Gorm Grande, Rut Nesser mit einem Stein ein Loch in die Stirn schlägt, was eine bleibende Narbe verursacht.

Auch wenn sie sich lange nicht wiedersehen, noch nicht einmal den Namen voneinander wissen - vergessen können sie sich nicht. Einzelgänger sind sie beide; das Gefühl, anders zu sein, sein innerstes nicht teilen zu können, haben sie gemeinsam. Und beide sind sie auf der Suche nach dem einen Menschen, der sie verstehen möge.

Was kaum möglich schien, passierte: sie sahen sich wieder. Kurz nur. Flüchtige Begegnungen, bei einer kirchlichen Veranstaltung, am Gepäckforderband am Flughafen; und nie reicht es für ein Gespräch, nie ist der Zeitpunkt da, an dem sie jeweils offen wären für die Begegnung mit dem anderen.

Rut´s Zwillingsbruder Jorgen hat bei der Geburt einen bleibenden geistigen Schaden davongetragen; sie, die sich vorgedrängelt hatte, wird dafür verantwortlich gemacht, und sie ist es auch, von der man selbstverständlich annimmt, dass sie sich um ihn kümmern werde. Doch Rut hat andere Pläne und Wünsche, als ihr Leben auf der kleinen Insel zu verbringen, umgeben vom geifernden Eifer ihres Vaters, des Predigers, dem Klatsch und Tratsch der Nachbarn. Sie will zur Schule, will lernen - und kann Jorgen nicht mitnehmen.

Dass er darunter leidet, spürt sie. Aber dann kommt Hilfe von unerwarteter Seite; in die Hütte der Großmutter ist ein Engländer gezogen, mit dessen Hund sich Jorgen anfreundet. Als sie im Sommer nach Hause kommt, will sie ihn sehen, diesen Engländer und den Hund; diesen Verrückten, der ihr von diesem unglaublichen Licht auf der Insel erzählt, und der ihre Liebe zur Malerei bestätigt. Ja, sie lernt dazu, hat jetzt einen Menschen, der ihre Leidenschaft teilt, und doch - bleibt die unbestimmte Sehnsucht nach einem Mann, den sie nur flüchtig gesehen hat.

Gorm sieht Rut immer wieder vor sich, sieht sie an der Straßenecke, im Cafe, im Tanzsaal - um dann festzustellen, dass sein Gedächtnis ihn wieder getrogen hat. Dass auch ein warmer, williger Körper ihm nicht diesen Trost zu geben vermag, den er benötigt, merkt er rasch. Zur Erkenntnis, sich gegen die selbstverständlichen Anforderungen der Familie zur Wehr zu setzen, braucht er länger...

Immer länger werden die Abstände zwischen den Begegnungen; die ausführlich geschilderte Kindheit weicht Jahren, die im Gleichmaß des Erwachsenseins vergehen, die angefüllt sind, aber nicht berichtenswert. Sie leben, haben Beziehungen, Kinder - und lassen doch keinen Menschen wirklich an sich ran. "Du bist mein Mensch, Rut. Nicht weil ich dich besitzen will, sondern weil dich meine Gedanken durch alles tragen sollen. Auch durch die Trauer" - wer sollte daneben noch Platz haben?

Während von Beider Kindheit berichtet wird, aus naiver Kindersicht, mit dieser kargen Sprache, die sich durch das ganze Buch zieht, war ich nicht sicher, ob ich dieses Buch zu Ende lesen möchte. Zu aufgesetzt, zu bewusst kindlich-naiv erschien mir die Sichtweise; aber vor allem war es die Kombination mit der Sprache, die in mir ein kräftiges Unbehagen laut werden will.

Mit dem Erwachsenwerden der beiden Protagonisten wird jedoch auch der Stil passend, wie ein Kleidungsstück, in das man langsam hineinwächst. Die Sehnsucht nach diesem einen Menschen ist zwar immer latent vorhanden, doch trotzdem leben sie beide, Rut und Gorm; heiraten, streiten sich, verlieben sich immer mal wieder neu, haben das Gefühl, an einem Ziel angekommen zu sein, um wieder enttäuscht zu werden.

Es ist die Kombination aus dem Versuch, sich in ein normales Leben zu schicken, sich mit dem zufrieden zu geben, was man hat - und dem Versuch, das Unglaubliche, das Ganze zu erlangen, aus dem das Buch seinen Sog bezieht. Plötzlich spürt man, was es bedeutet, sich aufzulehnen; man spürt, wie rasch man sich selbst verloren gehen kann, und wie leicht wir es anderen Menschen machen, unser Leben zu gestalten.

Es sind Fragen, die viele Menschen beschäftigen - und zum Glück verzichtet die Autorin darauf, eine Lösung zu präsentieren, verzichtet auch auf den moralischen Zeigefinger, der dem Leser vermitteln soll, wie er sein Leben leben soll, um glücklich zu werden. Statt dessen lässt sie uns am Kampf teilnehmen.

Es sind natürlich auch viele gesellschaftspolitische Themen, die in die umfangreiche Romanhandlung eingebettet sind; was passiert mit Frauen, die sich nicht in ihr typisches Rollenschicksal beugen wollen? Kann eine Mutter ihr Kind einfach verlassen? Es beim Vater aufwachsen lassen? Rut ist nicht die einzige wichtige Frauengestalt in diesem Buch; Gorms Mutter ist ihr entgegengestellt, als Beispiel für verpasste Chancen und ein ungelebtes Leben.

Wenn man sich als Leser auf diese Reise mitnehmen lässt, die für die Handlung unerlässliche Kindheitsgeschichte unbeschadet übersteht, dann erwartet einen im restlichen Teil so mancher interessante Gedanke, so mancher scharf und genau skizzierte Blick auf die eigenen Sehnsüchte und Ängste.

Herbjorg Wassmo

Herbjørg Wassmo, 1942 in Nordnorwegen geboren, wurde u.a. mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Ihre Werke sind in elf Sprachen übersetzt, und ihre Trilogien über die Frauengestalten Tora und Dina gelten inzwischen als Klassiker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©23.04.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing