Minette Walters - Der Nachbar

Originaltitel: Acid Row
Krimi. Goldmann Verlag 2002
414 Seiten, ISBN: 3442309697

Die Planer von Sozialbauten schaffen es immer wieder, sich durch missglückte Architektur dauerhaft ins Gedächtnis zu brennen. Das gilt auch für die Siedlung, in der Melanie mit ihren beiden kleinen Kindern wohnt. Zugegeben, Melanie ist nicht gerade eine vorbildliche Mutter, raucht, trinkt, hat häufig wechselnde Affären - aber dass gleich ins Nachbarhaus ein Pädophiler einquartiert wird, das geht dann doch zu weit. Dabei sollte sie diese Information eigentlich gar nicht haben, die Betreuerin vom Sozialdienst hatte sich bei einer Auseinandersetzung nur verplappert. Und die Siedlung ist überschaubar genug, um sofort den Namen des Betreffenden in Erfahrung zu bringen.

Nein, das können sie sich nicht gefallen lassen, findet auch ihre Mutter. Und sie planen, einen Protestmarsch vor dem Haus des Kinderschänders zu veranstalten, um die Behörden zum Handeln zu zwingen.

Aber dann verschwindet am Vorabend der geplanten Kundgebung ein kleines Mädchen - das bis zur Umsiedlung des Pädophilen Tür an Tür mit diesem gewohnt hatte. Die Situation eskaliert....

"Der Nachbar" ist ein Krimi, der ganz in klassischer Walters-Manier geschrieben ist: Zwei Haupthandlungsstränge, die ineinander verwoben werden, Mitschriften aus dem Polizeifunk, immer wieder präzise Angaben von Datum und Uhrzeit, um den Leser sozusagen direkt ins Geschehen zu holen.

Der Fall ist auch spannend: Auf der einen Seite ist ein kleines Mädchen verschwunden, die Familiengeschichte lässt Schlimmstes befürchten - und dann das Geraune des gemeinen Volkes, weil in eine Siedlung mit kleinen Kindern ein "Kinderschänder" gesetzt wird. Und weil den Kleinen, sozial Schwachen von Gesetzes wegen ja ohnehin nicht geholfen wird greift man hier eben zur Selbstjustiz. Und hier kommt eine weitere Komponente hinzu: die Eskalation der Demonstration wird zur Gefahr für eine unüberschaubare Anzahl von Menschen, die in Panik versuchen, da wieder rauszukommen. Wie in einem klassischen Hollywood-Film wird auch hier durch Menschen, die Zivilcourage beweisen, auf dramatische Weise ein Ausweg geschaffen, der natürlich seine Opfer fordert, sowohl unter den Menschen, denen geholfen werden soll als auch unter den Helfern selbst.

Trau nie dem Schein: der Schwarze, der am Vorabend aus dem Knast entlassen wurde, wird hier (natürlich anfangs wider Willen) zum Helden, seine besten Charaktereigenschaften kommen auf einmal zum Vorschein, bewirken ein völlig verändertes Verhalten seiner Umwelt.

Und genau hier liegt auch der Haken. Während die ersten Romane von Minette Walters vor allem durch eine sehr genaue und vielschichtige psychologische Beschreibung fasziniert haben, lässt sich beim "Nachbarn" ziemlich rasch eine Einteilung in gut/böse, schwarz/weiß vornehmen, nur leider fehlen die Graustufen dazwischen weitgehend.

Stattdessen wird hier mit Klischees gearbeitet (wie eben der schwarze Knasti, der eigentlich ein edler Mensch ist) - und das zu lesen langweilt mich leider.

Vielleicht sollte die Autorin sich und uns eine mehrjährige Pause gönnen - und uns danach wieder mit ausgeklügelten, faszinierenden Plots erfreuen.

Minette Walters

Minette Walters, geboren 1949, arbeitete lange als Redakteurin in London, bevor sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Hampshire, England.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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