Minette Walters - Fuchsjagd

Originaltitel: Fox Evil
Roman. Goldmann Verlag 2003
477 Seiten, ISBN: 3442310121

Von außen wirkte Shenstead immer noch wie ein verschlafenes kleines Dorf vor idyllischer Kulisse. Auf die New Ager, die sich unter der Führung eines Mannes, der sich Fox Evil nannte, hier auf einem herrenlosen Stück Land niederlassen wollten, wirkte es geradezu paradiesisch.

Eine Familie hatte die Geschichte des Dorfes vor allem geprägt: Die Lockyer-Fox. Reichtum, Eltern, die bedingt durch den Beruf des Vaters wenig zu Hause waren und die Erziehung der Kinder Internaten und Hausangestellten überlassen hatten, waren nicht gerade Garanten für ein glückliches Familienleben. Und als die Tochter mit 17 schwanger wurde, wusste man den guten Ruf der Familie nicht anders zu wahren, als sie zur Adoption freizugeben.

Nun, fast 30 Jahre später, wünschte James Lockyer-Fox diese Entscheidung aber rückgängig zu machen - tiefe Verzweiflung hatte ihn angesichts der Schlechtigkeit seiner Kinder ergriffen, die nur auf den Besitz der Eltern scharf waren und sich als Betrüger, Spieler und Alkoholiker entpuppt hatten. Weder seinem Sohn noch seiner Tochter wollte er das Anwesen hinterlassen.

Seinem Anwalt Mark gelang es dann auch, trotz der rigiden Adoptionsvorschriften, die Spur der jungen Frau ausfindig zu machen. Aber zu seinem Erstaunen zeigte sie sich wenig beeindruckt von der Tatsache, bald ein Vermögen erben zu können - schließlich war sie von einer gütigen, wohlhabenden Familie an Kindes Statt erzogen worden und hatte keinerlei Verlangen nach einer weiteren Familie.

Ein Brief des Großvaters, so persönlich und einnehmend, erweichte sie dann aber doch - als der Zufall sie dann auch noch in die Nähe des kleinen Dorfes verschlug, in dem die Familie ansässig war, kam sie kurzentschlossen zu Besuch.

Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können. Nach dem Tod seiner Frau war James darauf eingestellt, die Weihnachtsfeiertage alleine zu verbringen, doch Mark, den der sichtbare Verfall des Mannes zu schaffen machte, verzichtete auf ein eigenes Familienfest, um bei seinem Mandanten, den er auch als Freund schätzte, zu sein.

Bald schon war ihm auch klar, warum James nicht mehr ans Telefon ging, sich mehr und mehr ins Haus zurückzog: die Drohungen und Schmähungen, die ihm auf dem Anrufbeantworter hinterlassen wurden, warfen auch einen gefestigten Mann wie Mark aus der Bahn. Zumal die Anschuldigungen so perfide waren, dass sie nur unter Einbeziehung seiner Enkelin zu widerlegen waren - eine Tortur, der er sie nicht unterwerfen wollte.

Die New Ager, die sich hier Landrecht ersitzen wollten, sahen es bald nicht mehr als Zufall, dass ihr Anführer Fox sich bei den Lockyer-Fox herumtrieb; der Mann wusste zu viel von den Bewohnern des Dorfes, und bald eskalierte die Situation...

Jeder der beiden Handlungsstränge, die sich durch "Fuchsjagd" ziehen, hätte das Potential zu einer guten Geschichte. Die Idee, ein zur Adoption freigegebenes Kind wieder ausfindig machen zu wollen, weil man von den eigenen Kindern so enttäuscht ist und sich einen adäquaten Erben wünscht, ist zwar bestimmt nicht gerade neu, birgt aber genug Potential in all den psychologischen Verstrickungen zwischen den alten und neuen Familienmitgliedern, um noch unzählige Bücher zu füllen.

Spannender und innovativer ist schon die Vorstellung, was wirklich in einem kleinen Dorf geschieht, wenn die Einwohnerzahl sich plötzlich durch fahrendes Volk verdoppelt - und die Menschen, die sehr viel Geld für ihre Häuser bezahlt haben sich plötzlich mit Menschen konfrontiert sehen, die sich ihr Fleckchen Erde durch eine juristische Klausel ersitzen wollen.

Leider hat Minette Walters aber diese zwei Geschichten miteinander vermengt und sie dabei beide verschenkt. Während sie in der "Bildhauerin" noch ein perfides Spiel mit Sympathie, Glaubenswürdigkeit und Manipulation spielte, sind die Rollen in Fuchsjagd von Anfang an klar verteilt. Da gibt es die Guten - der Anwalt natürlich, die wiedergefundene Enkelin (muss ich noch dazu sagen, dass die Anziehungskraft zwischen den Beiden enorm ist?), der Großvater - und auf Seiten der New Ager eine patente, unattraktive Frau und ein kleines Kind, während die Tratschtanten des Dorfes, Fox Evil und die beiden Kinder klar als Gegner erkennbar sind.

Ein Klischee jagt das andere, und auch die Mischung aus Briefen, Zeitungsartikel, die die Authentizität der Ereignisse belegen sollen, zwischen den erzählten Kapiteln hat sie nun bereits in vielen Büchern immer und immer wieder verwendet. Der Aufbau der Geschichte ist vorhersehbar; auch wenn man noch nicht weiß, wer genau denn zum Schluss für all den Terror verantwortlich ist, weiß man doch auch schon, dass diejenigen, die einem dauernd als Drahtzieher vorgeführt werden, es wohl nicht sein werden. Dass ich die Auflösung auch sehr konstruiert empfand, kommt nocht dazu. Gut gewinnt, alle Guten haben zum Schluss ein bisschen von dem gefunden, was sie sich wünschten, das bislang misshandelte Kind, das auch fast in jedem Buch vorkommt, hat endlich ein gutes Zuhause... und ich als Leser bin enttäuscht, weil ich weiß, dass die Autorin so viel mehr könnte.

Dass das Buch außerdem schlecht lektoriert ist, hat zu meinem Lesevergnügen auch nicht gerade beigetragen - einmal war Mark schon Familienanwalt, als es darum ging, Nancy zur Adoption freizugeben, dann wieder ist er erst seit zwei Jahren im Dienst, um nur ein Beispiel zu nennen; und Sätze wie "Sie wussten beide, dass sie einander zu nahe waren. Sie erkannte es im Aufblitzen des Gewahrwerdens in seinen Augen. Er sah es im Verweilen ihres Fingers wenige Zentimeter von seinem Mund" sind ein gutes Beispiel für die Holzhammermethode, mit der dem Leser jedes bisschen Mitdenken und zwischen den Zeilen lesen erspart wird.

Schade eigentlich - wie gesagt, es wären zwei gute Geschichten möglich gewesen, und dass Minette Walters kann, wenn sie will, hat sie mehrmals bewiesen. Doch solange ihre Bücher sich auch wie warme Semmel verkaufen, egal, was sie schreibt, muss man weitere verschenkte Gelegenheiten befürchten.

Minette Walters

Minette Walters, geboren 1949, arbeitete lange als Redakteurin in London, bevor sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Hampshire, England.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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