Originaltitel: The Sculptress
Krimi. Goldmann Verlag 1993
453 Seiten, ISBN: 3442052726


Die eigene Mutter und Schwester zu erschlagen, ihnen dann den Kopf abzuhacken und sie völlig zu zerstückeln - ein Verbrechen, wie man es sich grausiger kaum vorstellen mag. Der Meinung war auch das Gericht, als es Olive Martin zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt hat.
6 Jahre später soll Rosalind Leigh auf Wunsch ihres Verlages ein Buch über diesen Fall schreiben. Nur mit Widerwillen lässt sie sich darauf ein, die Vorstellung, diesem menschlichen Ungetüm gegenübertreten zu müssen, flößt ihr Angst ein.
Zu ihrer Überraschung merkt sie aber, dass sie Olive Martin trotz ihrer abstoßenden Hässlichkeit sympathisch findet. Und je länger sie sich mit ihrer Geschichte befasst, umso mehr Ungereimtheiten fallen ihr auf.
Olive hatte nach der Tat sofort ein umfassendes Geständnis abgelegt, das von niemandem bezweifelt worden war. Aber wie passt diese Tat, und die Aussage, dass sie nie eine enge Beziehung zu ihrer Schwester gehabt haben sollte, zu den Auskünften, die Rosalind einholt? Da war immer die Rede von der Fürsorge und Zärtlichkeit, die Olive in Bezug auf die kleine Schwester an den Tag gelegt hatte.
Und war Amber wirklich dieses bezaubernde Geschöpf, als das sie gerne gesehen wurde? Mit jeder Information, die Rosalind dem Puzzle hinzufügt, stärkt sich ihre Vermutung, dass der erste Eindruck täuschen kann. Und dass viele Alibis nicht überprüft worden waren...
Außerdem, was Rosalind nie vermutet hätte - die Begegnung mit Olive führt dazu, dass sie auch die Schatten in ihrer eigenen Vergangenheit lansam ruhen lassen kann...
Wenn man einen Krimi nach ein paar Jahren wieder liest und ihn immer noch spannend findet - dann kann man sich entweder nicht mehr an den Plot erinnern, oder er ist so geschickt aufgebaut, dass die eigentlich schon bekannte Lösung nicht der einzige Reiz zum Weiterlesen ist.
Bei der "Bildhauerin" handelt es sich eindeutig um einen Krimi der zweiten Kategorie.
Olive Martin ist hässlich, undurchschaubar, gemein - und sie lügt. Sie ist überraschend intelligent, sensibel und zutiefst verletzlich. Bis zuletzt weiß man nicht, was an der von ihr erzählten Version nun wahr ist oder Lüge - und auch nach der letzten Seite gibt es keine endgültige Gewissheit.
Warum hat sie bis nach dem Tod ihres Vaters gewartet, bis sie ihre Geschichte erzählt hat? Er wäre der Einzige gewesen, der ihre Version hätte widerlegen können.
Ich jedenfalls konnte mich bis zuletzt nicht entscheiden, ob ich ihr nun glauben sollte oder nicht, ob sie mir sympathisch ist, oder ob sie wirklich nur ihre gesamte Umwelt manipuliert.
Ein intelligent gemachter, gut geschriebener Krimi, den ich ohne Bedenken weiterempfehlen kann.
Minette Walters, geboren 1949, arbeitete lange als Redakteurin in London, bevor sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Hampshire, England.
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