Martin Walser - Tod eines Kritikers

Originaltitel: Tod eines Kritikers
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
240 Seiten, ISBN: 3518413783

Nach dem Wirbel, den dieses Buch schon lange vor Erscheinen verursacht hatte, kann man es eigentlich nicht mehr voreingenommen lesen. Zu viele Kommentare und Zitate waren schon in den Zeitungen zu sehen, so viele widersprüchliche Meinungen, so viele Anschuldigungen, dass es unmöglich ist, alles zu vergessen und dem Buch eine faire Chance zu geben.

So gerne ich auch wirklich unbelastet gelesen und mir selbst ein Bild gemacht hätte, so bin ich doch genauso der Informationsflut aus den Medien ausgesetzt gewesen und habe den Skandal vor der Veröffentlichung mitverfolgt. Die Spannung darauf, wie das Buch denn nun wirklich ist, wie ich es selbst empfinden würde, war groß.

Nun, nach der Lektüre, bleibt für mich die Erkenntnis, dass das Buch selbst diesen Wirbel nicht wert ist. Über sehr sehr weite Strecken (bei einem Buch, das ohnehin nur wenige Seiten zählt, doppelt schwerwiegend) habe ich mich gelangweilt und genervt nur noch weitergelesen, weil ich es einfach genau wissen wollte.

Der Inhalt dürfte wohl fast allen bereits wohlbekannt sein: André Ehrl-König hatte während seiner einschaltquotenträchtigen Sendung SPRECHSTUNDE das Werk des Autors Hans Lach verdammt. Etwas, was dieser aufgrund der Freundschaftsbezeigungen der letzten Monate nicht erwarten durfte. Bei der Party nach der Sendung, die traditionell im Haus des Verlegers Pilgrim stattfand, war auch Hans Lach wider jede Regel zu Gast und hatte wüste Beschimpfungen gegen den Kritiker ausgestoßen. Am nächsten Morgen war nur ein blutbefleckter Pulli des Fernsehstars aufgefunden worden - von ihm selbst fehlte jede Spur.

Verdächtig ist natürlich vor allem Hans Lach, der allerdings kein Wort zur Verteidigung äußert noch ein Geständnis ablegt. Dafür beginnt sein Alter Ego den Abend und überhaupt die Beziehung zwischen Schriftsteller und Kritiker aufzurollen, um die Unschuld Hans Lach´s zu beweisen. Bis der Todgeglaubte plötzlich wieder auftaucht...

Das erste Kapitel ist dabei im Vergleich zum Rest noch durchaus lesbar; zu Beginn hat mich zwar der quängelige Tonfall massiv gestört, aber irgendwann gewöhnt man sich daran. Die ersten Beschreibungen Ehrl-Königs, in dem auch ein völlig dem Literatur-Betrieb Ferner sofort Marcel Reich-Ranicki erkennt, sind noch ganz amüsant. Mit ein paar Übertreibungen werden hier einige seiner Eigenarten karikiert, die einfach Wiedererkennungswert haben, die man vielleicht auch selbst schon zitiert hat.

Soweit, so gut. Wäre es dabei geblieben, hätte Walser auf dieser Ebene weitergemacht, dann wäre es zwar auch kein gutes Buch geworden, aber zumindest ein halbwegs amüsantes. Doch das ist nicht genug. Der Kritiker, der hier im Buch vorgestellt wird, soll dem Leser erst in seiner ganzen Abscheulichkeit präsentiert werden, als geiler alternder Geiferer, als absolut Medien- und machtgieriger Ignorant - und je stärkere Geschütze Walser hier auffahren lässt (und er legt seine Anschuldigungen durchaus in die verschiedensten Charaktere) desto uninteressanter wird es für den Leser. Die Wahrscheinlichkeit, dass das hier erzählte noch der Wahrheit entspricht ist zu gering, um den Leser über die Sensationsgier am Ball zu halten, und für sich stehend nicht originell genug, um auch ohne den Bezug zur bekannten Kritikerperson zu fesseln.

Wer seinen Gegner klein macht, macht sich selbst klein - das kann man an diesem Buch ganz deutlich merken. Das, was er laut Interviews mit diesem Buch erreichen wollte, eine Anprangerung Literaturbetriebs und der Machtausübung, die in nur einer Hand liegt - davon ist der Autor meilenweit entfernt. Im Gegenteil: nach der Lektüre bleibt bei mir nur Mitleid für denjenigen übrig, der den Zirkus, der zweifelsohne veranstaltet wird, in übermäßigem Grad ernst nimmt. Und das ist nicht unbedingt der, der im Mittelpunkt steht.

Dass ich die Sprache nicht mochte, hab ich glaube ich schon erwähnt - auch hier fehlt mir leider der Vergleich mit anderen Werken Walsers, da ich mich an das einzige Buch von ihm, das ich in früheren Jahren wieder und wieder aus der Stadtbibliothek nach Hause nahm, nicht erinnern kann. Wie ich es schon damals nicht konnte, sonst hätte ich es nicht permanent wieder ausgeliehen in der Hoffnung, ein neues Buch kennen zu lernen. Aber diese ewiglangen Sätze, der permanente Konjunktiv, all das hat nicht gerade dazu beigetragen, mein Vergnügen an diesem Buch zu steigern.

Nein, mein Fazit lautet: ein Buch, das man wirklich nicht gelesen haben muss.

Martin Walser

Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Der Lebenslauf der Liebe. Gelesen vom Autor
  • Ein fliehendes Pferd
  • Ein springender Brunnen
  • Ehen in Philippsburg
  • Die Verteidigung der Kindheit
  • Der Augenblick der Liebe
  • Tod eines Kritikers
  • Angstblüte
  • Ein liebender Mann
  • Leben und Schreiben. Tagebücher 1974 - 1987

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Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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