Martin Walser - Ein springender Brunnen

Originaltitel: Ein springender Brunnen
Roman. Suhrkamp Verlag 1998
416 Seiten, ISBN: 3518396005

Das Buch führt durch die Kindheit und Jugend von Johann in den Jahren 1933 - 45 in Wasserburg am Bodensee. Sein Vater - Humanist, Nazigegner, Esoteriker - jagt ständig hochtrabenden Plänen nach, die allesamt zerplatzen. Zu ihm hat Johann eine eigentümliche, zarte Beziehung, die sie über ihr Geheimnis des Wörterbaumes pflegen. "Johann, ich staune!" lobt er ihn, wenn er Wörter wie Popocatepetl und Bharatanatyam richtig buchstabiert hat. "Tu´s in den Wörterbaum - zum Anschauen!"
Seine Mutter steht mit beiden Beinen auf dem wackeligen Boden dieser Zeit, hält das Geschäft (Gasthaus "Restauration") und die Familie zusammen, verhandelt mit den Gläubigern, schaut, daß der gute Ruf der Familie jederzeit gewahrt wird und tritt der NSDAP bei, weil sich´s so wirtschaftlich besser überleben lässt.

Daneben trifft man noch auf unzählige Figuren, sieht sie sich verwandeln und wieder zurückverwandeln nach Kriegsende. Es sind alles originelle Typen- aus dem Leben gegriffen, aber leicht überzogen in ihrer Darstellung: Herr Schlegel, der von jedem, der ihm begegnet dieselbe Antwort auf die Frage: "Wo ischt Manila?" abverlangt. Herr Seehahn mit seinem ständig heruntergeleierten Wortschwall aus Beschimpfungen und Beleidigungen. Der Dorflehrer mit der Silberplatte, der mit dem Schlüsselbund wirft, wenn er mal durchdreht. Frau Fürst mit dem schmerzvernähten Mund, die mit 4 Kindern im Souterrain wohnt, Gierers Hermine, die den Dorftratsch herumträgt. Sie alle und einige mehr, die beschrieben werden, arrangieren sich irgendwie mit dem System, versuchen ihre Haut zu retten, riskieren mal etwas für einen anderen und versuchen möglichst ihren Alltag durch die schlimme Zeit hinüberzuretten.

Ein springender Brunnen ist aber nicht ausschließlich und vordergründig ein Roman über die Nazizeit. Gleichwertig daneben geht es um die Begegnung eines Jungen mit Sprache, seine Entwicklung zum Schriftsteller: Angefangen mit dem Wörterbaum, der Beobachtung seines Freundes Adolf, der die Sprechweise seinen Vaters - eines Nazi nachahmt, den Verbindungen von Dialekt und Hochdeutsch bis zur Begegnung mit Literatur und den ersten Schreibversuchen zieht sich dieses Thema durch.

Jammerschade! Ich musste 35 Jahre alt werden, um Martin Walser kennenzulernen. Jetzt habe ich einigen Nachholbedarf.

Ich bin begeistert von der genauen und einfühlsamen Sprache Walsers. In ein Wort, einen kurzen Satz kann er eine ganze Welt hineinlegen: Wenn er sagt, der Friseur zog das blaue Tuch weg, wie ein Zauberkünstler taucht vor mir die alte duftende Frisierstube auf, mittendrin der Friseur mit seinem Berufsstolz und seiner Eitelkeit.

So geht es ununterbrochen dahin beim Lesen: Bilder tauchen auf, die mir unbekannt, aber doch nicht ganz fremd erscheinen. Die Bilder formen sich zu einer Welt in der ich beinahe real herumgehen kann. Ich kann einzelne Lebensgeschichten verfolgen, mal hinter die eine oder andere Kulisse schauen, mich fragen, warum die Personen wohl so handeln, wie sie es tun.

Das ist möglich, weil Martin Walser nicht wertet, weil er genauso nur beobachtet, nichts rechtfertigen will, nichts vermitteln will. Was mir noch an der Sprache Walsers gefällt ist, dass sie, nie gekünstelt wirkt, nicht so bemüht originell daherkommt, wie man es oft bei jungen Autoren liest. Seine Sprache wirkt, als hätte er sie in einem langen Prozess entwickelt und wirklich zu eigen gemacht so dass sie schlussendlich sprudelt - eben wie ein springender Brunnen.

Martin Walser

Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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