Christine Walch - Hauptsache Heiraten oder Wie ich die sexuelle Revolution knapp verpasste

Originaltitel: Hauptsache Heiraten oder Wie ich die sexuelle Revolution knapp verpasste
Roman. Pendo 2002
192 Seiten, ISBN: 3858424579

Wenn ein Buch den Titel "Hauptsache Heiraten" trägt und auf der ersten Seite dann auch mit der entsprechenden Thematik beginnt, erwartet man als Leser eine heiter-leichte, hoffentlich unterhaltsame Geschichte über die Erwartungen der Eltern im Gegensatz zu den eigenen, in denen Heiraten vielleicht nicht unbedingt die oberste Priorität hat.

Aber schon nach wenigen Seiten wurde ich ausgesprochen positiv überrascht: hinter diesem stark autobiographischen Roman verbirgt sich nämlich sehr viel mehr.

Christine Walch erzählt ihre Geschichte von dem Zeitpunkt an, als ihre Eltern sich kennen gelernt hatten; der Vater als deutscher Soldat, die Mutter eine Österreicherin, die sich für einen in ihrer Familie recht ungewöhnlichen Beruf entschieden hatte: sie, die in Wien in einem gutbürgerlichen Haushalt aufgewachsen war, wollte Landwirtin werden.

Ein Glück, wie sich ein paar Jahre später herausstellen sollte, als sie mit ihren Eltern, ihrer Schwester - und dem kleinen Sohn aus der Stadt nach Oberösterreich geflüchtet waren. Ausgerechnet in die Nähe von Braunau hatte es sie verschlagen, Hitlers Geburtsort. Hier kam dann auch die Christine zur Welt, kurze Zeit nach Kriegsende.

In ihrem Elternhaus war nicht viel von der Vergangenheit die Rede. Die Mutter, obwohl offiziell nie in die Partei eingetreten, war dennoch wie so viele Frauen eine glühende Bewunderin Hitlers; vor allem die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme "Unternehmen Autobahn" hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Die Eltern lassen ihre Kinder für einige Jahre in der Obhut der Großeltern zurück, um in Mainz ein gemeinsames Leben aufzubauen; eine Zeit, die von Grenzschmuggeleien über den Inn geprägt war.

In Mainz dann lernen die Kinder erst richtig, was es heißt, in der Nähe von Braunau aufgewachsen zu sein; immer wieder bekommen sie hier zu hören, dass es Hitlers Geburtsstadt war. Die eigentliche Schönheit des Barockstädtchens am Inn ist für immer mit einem braunen Film überzogen.

Wirtschaftswunderzeit hält auch bei Christines Eltern Einzug; das klassische Einfamilienhaus mit Jägerzaun nennt man bald sein eigen, ein Fernseher folgt, die ganzen Symbole des neuen Wohlstands. Und die Nürnberger Prozesse verursachen ein seltsames Unbehaben, über das man aber nicht spricht. Überhaupt wird die Vergangenheit begraben; auch in der Schule wird nicht über den Holocaust gesprochen. Erst dieser Film bricht die Schweigemauer, zwingt die Menschen, in irgendeiner Form Stellung zu beziehen.

Christines Mutter, die während und nach dem Krieg die Familie eigentlich alleine über Wasser gehalten hatte, die sie als starke, unabhängige Frau kennen gelernt hatte, wird immer mehr zur biederen Hausfrau; und nun, da auch die Tochter langsam erwachsen wird, kommen wieder ihre eigenen Träume zum Vorschein. Eines will sie vor allem: ihre Tochter gut verheiraten...

Für mich war dieses Buch eine wirkliche Überraschung: keine große Literatur, keine Ambitionen, ein bahnbrechendes Werk über die Generation zu verfassen, die den Krieg nur noch aus Erzählungen kannte. Aber ein sehr ehrliches Portrait einer durch und durch normalen, biederen Familie - und wie im Alltag mit Deutschlands und Österreichs Vergangenheit umgegangen wird.

Gerade, wenn man auch Österreich, das Innviertel ein wenig kennt, wenn man im Gegensatz dazu die doch unterschiedliche Sichtweise aus Deutschland kennt, ist dieses Buch hochinteressant; dass es dazu noch (was für einen Lebensroman leider nicht typisch ist) auch noch sehr flüssig und gut geschrieben ist, macht es umso lesenswerter.

Christine Walch

Christine Walch, geboren 1945 in Hochburg-Ach als Tochter eines Deutschen und einer Österreicherin. Bis zur Heirat 1969 Lehrerin in Österreich, Mutter von zwei Kindern. Arbeitete nach der Trennung von ihrem Mann bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen. Heute Textchefin beim >SonntagsBlick<, der größten Schweizer Zeitung. Seit 1990 ist Christine Walch in zweiter Ehe verheiratet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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