Richard Wagner - Miss Bukarest

Originaltitel: Miss Bukarest
Roman. Aufbau Taschenbuch Verlag 2001
190 Seiten, ISBN: 3351029268

Als Wasserleiche liegt sie nun vor ihm - Erika. Seine Landsfrau, wie Schelski mit einem Seitenblick auf Dino Schullerus sagt. Ob er sie kenne? Ob Schelski glaube, alle Rumänen würden sich automatisch kennen? Außerdem, aber das erwähnt Schullerus nicht, ist die tote Frau da vor ihnen keine Rumänin sondern genaugenommen eine Banater Schwäbin. Aber damit hätte er schon wieder verraten, dass er sie kennt.

Ja, er kennt diese Erika schon sehr lange. Sie waren eng befreundet, alle drei - Erika, Lotte und Dino. Voller Idealismus. Und als dann der Prager Frühling plötzlich die Gefahr birgt, dass die Russen auch Rumänien besetzen, beschließt Dino, der Securitate beizutreten. Mit den lautersten Absichten - sein Land vor der Okkupation zu bewahren. Das zumindest zu Beginn. Denn schon rasch wird er für ganz andere Dienste eingesetzt. Spitzel spielen. Menschen unter Druck setzen. Auf die intellektuelle Schicht hat man es ganz besonders abgesehen. Und Erika hat besonders engen Kontakt zu ihnen. Außerdem ist sie mit einem Deutschen liiert und will mit ihm in den Westen. Eine Information, die Dino eigentlich weitergeben müsste. Aber trotz der Gefahr, dass auch diese Information irgendwo abgehört worden war, meldet er nichts.

Sie war also in den Westen gegangen. Nicht lange danach hatte sich auch Dino mit seiner Familie nach Deutschland abgesetzt. Heimlich. Das Versprechen seiner Frau Lotte gegenüber eingelöst - ihr Preis dafür, dass sie ihn trotz des Verhältnis zu Erika nicht verlassen hatte. Aber was kann ein Securitate-Mann in Deutschland machen? Das, was er immer schon am besten konnte - Leute bespitzeln. Und so war er in der Detektei gelandet, die eines Tages den Auftrag erhielt, eine Ehefrau zu beschatten. Die sich als die lange verschollene Erika entpuppt.

Und nun ist sie tot. Ihren Mörder zu finden ist er ihr schuldig, glaubt Dino. Das ist etwas, das kann er nicht der Polizei überlassen. Schon gar nicht, wenn er dabei auch seine eigene Vergangenheit offen legen müsste. Und wirklich findet er überall die Spuren guter alter Bekannter. Aber so ein Ausflug in die Vergangenheit ist nicht schmerzfrei; Dino muss sich so mancher bitteren Wahrheit stellen, die er lieber verdrängt hätte.

Diese Rückblicke in die Vergangenheit waren für mich ausgesprochen interessant zu lesen. Ein Stück Zeitgeschichte, von dem ich nur den letzten Teil auch selbst miterlebt habe, dessen Wurzeln mir aber nicht bekannt waren. Zudem entsprechen die Erfahrungen der Aussiedler, die sie in Deutschland machen, so sehr dem, was mir von Bekannten in ähnlicher Lage erzählt wurde, dass ein starker Wiedererkennungswert da war, und mir auch das Gefühl hoher Authentizität vermittelt wurde.

Soweit so gut. Dino Schullerus hat alles, was ihm im Zusammenhang mit dem "Fall Erika" durch den Kopf geht, aufgeschrieben. Um seine Gedanken zu sortieren, wie er das bei der Arbeit immer macht, aber auch als kleine Lebensversicherung. Und plötzlich - taucht dieses Manuskript bei einem der Schriftsteller auf, die damals zu Erikas Kreis gehört hatten und nach einem Auslandsaufenthalt nicht mehr zurückgekehrt war. Dino hat es ihm zugeschickt. Und der Schriftsteller liest, erst widerwillig, dann doch mit immer mehr Interesse und notiert dabei seine eigenen Gedanken und Eindrücke.

Ein Kunstgriff, der etwas heikel ist - ein ziemlich an den Haaren herbeigezogenes Handlungsmotiv. Aber gerade dann, wenn man sich endlich daran gewöhnt hat, dass nun eben in Gottes Namen der Schriftsteller die Lücken vervollständigt - da landet das Manuskript samt Schriftstelleranmerkungen bei Dinos Sohn auf dem Schreibtisch. Gut, so gibt man auch der nachfolgenden, unbedarften Generation die Chance, die Vorgehensweise der Eltern zu erfahren und zu verstehen, sich dazu zu äußern, aber dramaturgisch ein echter Griff daneben. Wirklich Neues kann der Sohn nicht mehr berichten, seine Beziehungsprobleme werden auch nicht wirklich lebendig, und die ewige Selbstbespiegelung beim Lesen des Manuskripts sind als Leser nicht unbedingt erfreulich zu nennen.

Wenn man außerordentlich bösartig veranlagt wäre, könnte man dem Autor unterstellen, er habe, nachdem der erste Teil des Buches so gut angekommen war, dass er dafür den "Neuen Deutschen Literaturpreis 2000" gewann, noch rasch versucht, dem Roman einen halbwegs passenden Schluss zu bescheren. Falls es so wäre, dann ist ihm das leider nicht gelungen.

Und das ist außerordentlich schade. Denn ich denke, die Thematik, die er oft sehr interessant, abwechslungsreich und humorvoll aufgreift, kann für uns alle von Interesse sein. Und erzählen kann er, der Autor! Ein Buch, das bestimmt nicht nur für die große Anzahl der Banater Schwaben interessant ist, sondern auch für alle anderen Leser, die sich ein wenig für Zeitgeschichte interessieren.

Richard Wagner

Richard Wagner, geboren 1952 im rumänischen Banat, studierte Germanistik und Rumänistik in Temeswar und arbeitete als Deutschlehrer und Journalist. Er veröffentlichte Lyrik und Prosa in deutscher Sprache und war Mitglied der "Aktionsgruppe Banat". Nach Arbeits- und Publikationsverbot verließ er Rumänien im Jahr 1987. Seitdem lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, unter anderem den 2000 erstmals verliehenen "Neuen deutschen Literaturpreis".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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