Originaltitel: Schwester
Roman. Berlin Verlag 2002
166 Seiten, ISBN: 3827004853


Mitten im Supermarkt fängt die Autorin plötzlich zu weinen an und kann nicht mehr aufhören. Immer wieder passiert ihr das in der nächsten Zeit, ohne dass sie dabei von quälenden Bildern verfolgt wird; und so braucht sie lange, um zu begreifen, um wen sie hier weint: Um ihre Schwester, die vor zwei Jahren gestorben war.
Das Verhältnis der beiden Schwestern war von Anfang an von Spannungen gezeichnet; die Ältere litt an Asthma, bei jedem Streit, jeder Aufregung blieb ihr die Luft weg. Sie, Keto, die Jüngere, habe ihr die Luft zum Atmen genommen, sagt ein Arzt ihr später einmal; denn was die Ältere dadurch an Aufmerksamkeit errang, versuchte die Kleine anderweitig wettzumachen. Sie war immer der Klassenclown, das magere braune Geschöpf; die Schwester dagegen blond und blass, der Inbegriff von Schönheit für die Kleine - zumindest als Kind.
Denn irgendwann fangen die Männer an, ihr, der Kleinen, nachzulaufen; ihrer schönen Augen wegen, ihrer Ausstrahlung wegen - und da war er dann auch schon, der Neid der Älteren. Die auf Vorkommnisse dieser Art auf ihre Weise reagierte: indem sie wieder krank wurde und die Familie dadurch zwang, ihre anderen Beschäftigungen zugunsten der Leidenden hintanzustellen.
Aber da waren auch die Momente großer Nähe; von der Schwester hatte Keto gelernt, scharfzüngig zu parieren, ihr Blick hatte ihr den Horizont geweitet. Bei all den Kämpfen in der Kinderzeit ist da doch auch immer eine sehr innige Vertrautheit, eine Kameradie gegen die Eltern. Den Wünschen des Vaters können sie sich nur schwer widersetzen; die Ältere schafft es nie ganz, sich von den Lebensentwürfen der Eltern zu befreien, auch wenn sie sich in den letzten Jahren weigert, ihren kranken Vater auch nur anzurufen.
Dass die Kleine es schafft, wegzugehen, dass sie sich danach von ihrem Mann trennt, ihr eigenes Leben lebt, so unsicher und risikoreich das auch sein mag - die Ältere verzeiht es ihr nicht.
Erst sehr spät, mit der Hilfe eines Therapeuten, begreift Keto, dass sie auch ihren Anteil an der Krankheit ihrer Schwester hat; dass ihr Kümmern und Verantwortung übernehmen zugleich bedeutete, die andere in die Rolle der Hilflosen zu drängen.
Als Leser fühlt man teilweise die Beklemmung mit, die zur Atemnot der Schwester geführt haben muss; der Kleinbürgermief in dieser Familie, die Spannungen zwischen den Eltern, die aneinander leiden und sich doch nicht loslassen können, und das reißfeste Band aus Schuldgefühlen, das auch die Schwestern unentrinnbar an den Familienverbund fesselt.
Die Erinnerungsfragmente folgen keinem linearen zeitlichen Ablauf; ihre Anordnung entspricht eher dem Wühlen in immer tieferen Gefühlsschichten; von der erst noch relativ gefälligen Oberfläche der Vertrautheit zweier Schwestern bis hin zur verzweifelten Verweigerungshaltung am Ende, als keine mehr mit der anderen wirklich reden kann und mag.
Es ist ein sehr authentisches Stück Literatur; aber wie häufig, wenn autobiographisch erzählt wird, hatte ich beim Lesen doch immer wieder das Gefühl, dass der Autorin manchmal eine gewisse erzählende Distanz nicht geschadet hätte. Nicht, um sie gefälliger zu erzählen, aber um manche Details besser im Umfeld verankern zu können.
*Schwester* gehört zu jenen Büchern, die beim Lesen persönlich betroffen machen; Familie geht fast jeden von uns etwas an, und entsprechend bleibt es nicht erspart, die Vergleiche zur eigenen Erlebniswelt zu ziehen. Entsprechend lange bleiben diese Bilder dann auch im Gedächtnis haften. Ein schmales Buch, das nachwirkt.
Keto von Waberer, geboren in Augsburg, verbrachte ihre frühe Kindheit in Alpbach, Tirol, studierte Architektur in München und Mexiko. Seit 1998 hat sie einen Lehrauftrag für Creative Writing an der Hochschule für Film und Fernsehen, München. Keto von Waberers Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in München.
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