Jorge Volpi - Der Würgeengel

Originaltitel: El temperamento melancólico
Roman. Klett Cotta 2002
303 Seiten, ISBN: 3608930655

Ihre besten Tage als Schauspieler hatten sie alle entweder noch vor sich oder bereits hinter sich: die Crew, die für Gustav Gründgens neuen Film ausgewählt worden war, setzte sich nicht aus den Namen zusammen, die man erwarten dürfte, wenn einer der ganz großen des Films sich nach Jahren des Schweigens entschließt, einen letzten Film zu drehen.

"Schreib etwas über dich" wurde jedem der Schauspieler beim Casting aufgetragen; "schreib eine Bewerbung, schreib eine Geschichte deines Lebens". Und so suggestiv, wie hier gefragt wurde, wird dann auch geschrieben; eine Geschichte, die den wunden Punkt im Leben der Schauspieler offenbart.

Als sie alle am Drehort versammelt sind, den sie während der nächsten Monate auch nicht verlassen werden, ohne Kontakt zur Außenwelt, wird ihnen auch klargemacht, warum weniger ihr schauspielerisches Talent als ihre Charaktereigenschaften wichtig waren; Gustav Gründgens hat für seinen letzten Film einen Traum, ein Vorhaben, das er in seiner bisherigen Laufbahn zwar schon immer wieder hatte erkennen lassen, aber noch nie ausleben konnte. Er will keine Geschichte, in der Schauspieler die Figuren verkörpern; er will eine Geschichte, in der die Schauspieler zu den Figuren werden, die sie darstellen, eine Aufhebung der Kunst, um höchste Kunst zu erreichen...

Der Regisseur scheitert in diesem Roman daran, seine Aufhebung der Trennlinie zwischen Kunst und Realität wahr werden zu lassen. Auch dem Autor gelingt es letztendlich nicht, sein ehrgeiziges Vorhaben zur Gänze überzeugend umzusetzen; aber über eine sehr weite Strecke zieht der Roman nicht nur in seinen Bann, man gerät unvermutet mitten hinein, hat das Gefühl, eine Wissenslücke zu offenbaren, wenn man diesen Gustav Gründgens nicht kennt, und macht sich auf, Filmlexika nach Einträgen zu durchsuchen.

Wenn es einem Autor gelingt, eine fiktive Gestalt derart gekonnt mit einem Hintergrund zu versehen, der den Leser in ernste Zweifel an der Fiktionalität geraten lässt - dann ist das schon ein sehr deutliches Zeichen für die Sogwirkung, die dieser Roman entfalten kann.

Jorge Volpi ist ein hochintelligenter Schriftsteller, der mitreißend zu erzählen versteht. Er lotet die versteckten Stellen in der Psyche aus, und verwendet dabei eine sehr klare, präzise Sprache, die zu lesen ein Genuss ist.

Wie schon erwähnt - in letzter Konsequenz ist der Roman für mich nicht schlüssig. Aber mein Interesse an diesem Autor ist geweckt ; wer so schreiben kann, in diesem Alter bereits so schreiben kann, von dem kann man noch viel erwarten!

Jorge Volpi

Jorge Volpi wurde 1968 in Mexiko Stadt geboren, studierte dort Jura und Literatur und promovierte im spanischen Salamanca. Seit 1992 ist er freier Schriftsteller. Er ist Gründungsmitglied von "Crack", eines aufsehenerregenden literarischen Zirkels von Autoren, deren Manifest eine Abkehr vom magischen Realismus fordert. Sein letzter Roman, "Das Klingsor Paradox" wurde zum Weltbestseller. Jorge Volpi ist Kulturattaché seines Landes in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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