Barbara Vine - Königliche Krankheit

Originaltitel: The Blood Doctor
Roman. Diogenes 2003
586 Seiten, ISBN: 3257063458

Als Götterdämmerung wird die Gesetzesvorlage von vielen Erblords empfunden, die sie gerade im House of Lords diskutieren - ein Gesetz, das ihre eigene Abschaffung beinhaltet. Auch Martin Nanther ist davon betroffen und denkt mit Wehmut an die Zeit, wenn er hier nicht mehr aus und ein gehen kann, wenn er, um in der Bibliothek zu sitzen oder auf der Terrasse, von einem der Life Peers eingeladen sein musste.

Auch wenn die Spesen aus seiner Anwesenheit im House of Lords zu einem nicht unerheblichen Teil sein Einkommen bildeten, sah Nanther sich doch vorwiegend als Biograph, und nach einer ersten sehr erfolgreich publizierten Biographie hatte er nun beschlossen, aus der eigenen Familiengeschichte ein Buch zu machen, und Henry Nanther, Leibarzt der Königin und der Erste Lord Nanther, zu portraitieren.

In gewisser Hinsicht hatte Henry es ihm leichtgemacht; er schien damit gerechnet zu haben, dass sich nach seinem Tod jemand mit ihm beschäftigen würde, hatte seine medizinischen Werke, Artikel, Tagebücher, Urkunden, sorgfältig in Truhen verstaut. Seine medizinischen Leistungen waren also gut dokumentiert, er war Spezialist für Hämophilie, die Bluterkrankheit, an der auch einige Mitglieder des königlichen Hauses erkrankt waren - doch was war mit dem Menschen Henry Nanther?

Er hatte sehr spät geheiratet, war schon beinahe fünfzig, als das erste seiner sechs Kinder geboren wurde; und er hatte die Schwester der Frau geheiratet, mit der er einmal verlobt gewesen war, hatte ihr den Verlobungsring an den Finger gesteckt, den er schon der Schwester gegeben hatte, mit ihr die Hochzeitsreise unternommen, die für die andere geplant gewesen war. Warum? Und warum hatte er sich überhaupt mit dieser Familie verbunden, wo ihm doch wesentlich bessere Chancen geboten worden waren? Es hatte lange Zeit den Anschein gehabt, er würde sich mit Olivia Batho verloben wollen, einer schönen und auch noch ausgesprochen wohlhabenden Frau, ehe er sich den Hendersons zuwandte, die er kennen lernte, als er dem Vater bei einem Straßenüberfall zu Hilfe kam.

Tagebücher, Briefe werden zu Rate gezogen, langsam tauchten immer mehr Familienmitglieder auf, die Kleinigkeiten zum Gesamtbild beitragen konnten; und vor allem war Martin seine Frau, Jude, als interessierter Gesprächspartner eine große Hilfe. Solange jedenfalls, solange ihr Wunsch, unbedingt ein Kind haben zu wollen, nicht Überhand nahm; zwei Fehlgeburten hatte sie in den letzten Jahren erlitten und furchtbar darunter gelitten, nun war sie wieder schwanger, und das Drama begann von vorne - das alles für ein Kind, das Martin gar nicht unbedingt wollte, er hatte schon einen Sohn, wollte aber vor allem seine Frau glücklich sehen. An ihm konnte es schließlich nicht liegen, er hatte schon ein Kind, seine Erbanlagen waren doch damit über jeden Zweifel erhaben - oder doch nicht? Hatte er aus den Forschungsarbeiten seines Urgroßvaters nicht etwas anderes gelernt?

Die Bücher von Barbara Vine sind in den meisten Buchhandlungen in der Krimiabteilung - doch da gehören sie eigentlich nicht wirklich hin. Zwar gibt es auch in diesem Buch einen Mord, dessen Aufklärung aber bereits vor langer Zeit erfolgte und nur eines der vielen Details darstellt, die in diesem Buch enthalten sind. (Die vielen Details lassen es bereits erahnen: ja, auch in diesem Buch von Barbara Vine gibt es ein paar Längen, aber ich finde, die nimmt man bei ihr gerne in Kauf.) Auch das Geheimnis des Henry Nanther ahnt man bereits nach spätestens einem Drittel des Buches, ohne daraufhin die Lust zu verlieren, weiterzulesen.

Denn was Barbara Vine vor allem kann, ist, in eine dramatisierte Rahmenhandlung hochinteressante Geschichten zu packen. Wenn wir mit Martin Nanther erfahren, dass Jude wieder schwanger ist, dann werden wir auch mit seinen Ängsten und den Gedanken konfrontiert, die er vor seiner Frau geheimhalten will; die Phasen des Schweigens und der Nähe in einer Beziehung werden auf eine Weise dargestellt, dass man als Leser mit dabei ist.

Interessant, gut recherchiert und verständlich aufbereitet ist auch die Geschichte der Hämophilie, mit all den Berichten auch über das englische Königshaus; aber was mir an diesem Buch am allerbesten gefallen hat, ist der ausführliche Bericht über das House of Lords, die Reformanträge, die archaisch anmutenden Rituale, aber auch alleine schon die sehr plastischen Schilderungen der Räumlichkeiten an sich.

Kurz gesagt: ein Buch, das ich trotz der beinahe 600 Seiten mit sehr viel Freude und Genuss gelesen habe - hier auch ein Dankeschön an den Diogenes-Verlag, der es immer wieder schafft, auch seitenstarke Bücher nicht zu Ziegelsteinen werden zu lassen! - und das ich allen, die ein Faible für England haben, ganz besonders ans Herz legen möchte. Wer einen spannenden Krimi erhofft, wird enttäuscht sein; doch die große Vine-Fangemeinde mit Sicherheit begeistert!

Barbara Vine

Barbara Vine = Ruth Rendell, geb. 17. 2. 1930 als einziges Kind eines Lehrerehepaares. Arbeitete kurz als Journalistin, war zehn Jahre lang Hausfrau und Mutter, bevor sie 1964 ihren ersten Krimi verkaufte. In den 80ern wurde ihr das Muster der klassischen Whodunit zu eng, und sie fing an, unter einem Pseudonym, eben Barbara Vine (ihr zweiter Vorname und der Mädchenname ihrer Großmutter) psychologisch anspruchsvollere Bücher zu schreiben. 1997 wurde sie zur Baroness Rendell of Babergh ernannt. Unter dem Pseudonym Barbara Vine gewann sie zahlreiche Preise. Sie lebt in Suffolk.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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