Barbara Vine - Heuschrecken

Originaltitel: Grasshopper
Roman. Diogenes 2001
644 Seiten, ISBN: 3257062753

Heute ist sie eine geachtete Geschäftsfrau, betreibt ihre Firma für Elektroinstallationen mit großem Erfolg, kann sich nach der anfänglichen Überraschung ihrer Kunden über das Erscheinen einer Frau rasch Respekt verschaffen.

Doch in ihrer Jugend hatte ihr Name einen unangenehmen Nachgeschmack, wurde sie in der Presse ganz anderer Tätigkeiten verdächtigt.

Als sie eines Tages bei einem ihrer Aufträge plötzlich Liv wieder begegnet, dem schwedischen Au-Pair, die mit ihr auf den Dächern Londons zu Hause gewesen war, erinnert sie sich zurück:

Schon immer war sie von der Höhe fasziniert gewesen, kletterte hoch, wo es hochzuklettern ging. Bei einem dieser Ausflüge auf einen Strommasten stürzt ihr Freund, vom Stromschlag getroffen, in die Tiefe.

Ihre Familie ist deshalb nicht unglücklich, als sie nach London gehen will, um zu studieren. Sie finden im Haus eines entfernten Verwandten eine Wohnmöglichkeit für sie; im Souterrain, eine große Strafe für einen Menschen, der an Klaustrophobie leidet. Auch ihr Studium vermag sie nicht zu fesseln - und so streunt sie hauptsächlich durch die Straßen Londons und bewundert die Architektur.

Dann lernt sie Silver kennen. Silver, der gemeinsam mit seinen Freunden nachts über die Dächer Londons streicht, das Gefühl der Freiheit und Losgelöstheit auskostet. Silver, in jungen Jahren bereits mit einem kleinen Vermögen ausgestattet und mit eigener Wohnung, lässt alle Freunde, die seine Hilfe brauchen, bei sich wohnen. Auch Liv, die sich aus Angst vor ihren früheren Arbeitgebern nicht mehr auf die Straße wagt, und ihren Freund Johnny, der die Ausflüge auf die Dächer hauptsächlich für seine Diebestouren nutzt.

Und dann entdecken sie bei einem ihrer Ausflüge ein in ganz England gesuchtes Ehepaar, das durch einen spektakulären Entführungsfall in die Schlagzeilen geraten war - und die Freunde beschließen, ihnen zu helfen...

Barbara Vine bzw. Ruth Rendell ist ein Garant für spannende, gute Unterhaltung. Auch wenn ich persönlich ihre zuletzt erschienenen beiden Romane, "Die Schwefelhochzeit" und "Der schwarze Falter" für besser als dieses hier erachte.

Gerade zu Beginn dauert es sehr lange, bis die Geschichte sich wirklich entwickelt. Auch danach sind noch einige Längen zu verzeichnen, auch einige Ungenauigkeiten, die ich von dieser Autorin sonst nicht kenne.

Aber wie immer hat sie es dann mit ihren meisterhaften Charakterschilderungen geschafft, mich doch in ihren Bann zu ziehen. Wenn sie Cloudagh von ihrer Leidenschaft für die Höhe erzählen lässt, von der Faszination, die diese Ausflüge auf die Dächer auf sie ausübte, kann man das Buch kaum noch zuklappen.

Auch wenn ich 200 Seiten weniger durchaus verschmerzen hätte können - es lohnt sich, auch dieses Buch von Barbara Vine zu lesen! Aber Vorsicht: wer erst einmal damit angefangen hat, will sie alle lesen…

Barbara Vine

Barbara Vine = Ruth Rendell, geb. 17. 2. 1930 als einziges Kind eines Lehrerehepaares. Arbeitete kurz als Journalistin, war zehn Jahre lang Hausfrau und Mutter, bevor sie 1964 ihren ersten Krimi verkaufte. In den 80ern wurde ihr das Muster der klassischen Whodunit zu eng, und sie fing an, unter einem Pseudonym, eben Barbara Vine (ihr zweiter Vorname und der Mädchenname ihrer Großmutter) psychologisch anspruchsvollere Bücher zu schreiben. 1997 wurde sie zur Baroness Rendell of Babergh ernannt. Unter dem Pseudonym Barbara Vine gewann sie zahlreiche Preise. Sie lebt in Suffolk.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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