Aglaja Veteranyi - Das Regal der letzten Atemzüge

Originaltitel: Das Regal der letzten Atemzüge
Roman. DVA 2002
132 Seiten, ISBN: 3421053774

Viel Handlung darf man von diesem Buch nicht erwarten, die Schublade "Roman", auch wenn der Verlag es als solches verkauft, passt hier nicht - aber es passt auch sonst in keine Schublade. Familiensplitter; die Tante ist tot, die geliebte Tante, die sie aufgezogen hatte, die sie mehr liebte als ihre Mutter. Und in Reflektionen erfahren wir - nie klar ausgesprochen oder erzählt, man spürt es nur - die Geschichte einer jungen Frau, die sich von drückenden Banden lossagen will und doch gleichzeitig die Nähe und Wärme der Familie braucht.

Kurze Sätze, die auf den ersten Blick auf keinen Zusammenhang bilden, die selten wirklich etwas erzählen - und doch beschwören sie nach einer Weile Bilder im Kopf, die man so schnell nicht mehr loswird. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich eingelesen hatte, bis ich meine Erwartungen an einen Plot, einen Handlungsstrang beiseite schieben konnte und mich einlassen konnte auf die abwechselnd poetisch-zarten und dann wieder düster-bedrohlichen Stimmungen, die die Autorin hier vermittelt.

Dazu kommt die Exotik der uns so fremden Welt, die hier einfließt; ein unstetes Leben, Reisen, aus dem Koffer leben - und dann der Kontrast zur Tante, die sich in der Schweiz häuslich niedergelassen hatte und plötzlich Jahrzehnte älter erschien.

Man braucht ein bisschen Zeit für dieses Buch - nicht, weil es so viel Lesestoff bietet, die 120 Seiten sind oft nicht einmal zur Hälfte bedruckt. Aber man braucht Zeit, um etwas auf sich wirken zu lassen, was man nicht auf den ersten Blick sieht; zwischen den Zeilen steht hier viel mehr geschrieben. Und wer Lust hat, ein Buch fast ausschließlich emotional zu spüren, dem kann ich diesen schmalen Band nur ans Herz legen.

Aglaja Veteranyi

Aglaja Veteranyi wurde 1962 in Bukarest geboren und stammte aus einer Zirkusfamilie. Nach ihrer Schauspielausbildung arbeitete ie seit 1982 als freischaffende Schauspielerin und Autorin. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen folgten. 1999 erschien ihr erster Roman, "Warum das Kind in der Polenta kocht", für den sie mit dem Werkjahr der Stadt Zürich, der Ehrengabe des Kantons Zürich, dem Kunstpreis Berlin 2000 sowie dem Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet wurde. In der Nacht zum 3. Februar 2002 hat sich Aglaja Veteranyi das Leben genommen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©29.06.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing