Mario Vargas Llosa - Tante Julia und der Kunstschreiber

Originaltitel: La Tía Julia y el escribidor
Roman. Suhrkamp Verlag 1979
391 Seiten, ISBN: 3518380206

Peru in den 50er Jahren. Mario, ein 18jähriger Student, verdient sein Geld als Nachrichtenredakteur beim Radio. Ein Job mit einem pompösen Titel - und plagiatorischen Arbeitsmethoden, denn die Nachrichten werden einfach aus diversen Zeitungen ab- und etwas umgeschrieben.

Doch was die Leute im Radio hauptsächlich hören wollen, sind weder die Nachrichten noch die Musik; sie wollen Hörspiele.

Und hier ist dem Besitzer von Radio Panermericano ein Geniestreich gelungen; er hat Pedro engagiert. Und Pedro schreibt, produziert, spricht auch noch selber - unermüdlich ist er tätig im Dienste seiner Leidenschaft.

So ist es also, das wahre Schriftstellerleben, vermutet Mario; denn Schriftsteller, das ist seine Zukunft, davon ist er überzeugt. Und das erzählt er auch seiner Tante Julia immer wieder, wenn er sie ins Kino begleiten soll. Tante Julia ist nach Lima gekommen, um sich einen neuen Ehemann zu suchen - und sie behandelt Mario wie einen kleinen Jungen.

Und auch sie hört leidenschaftlich gerne nachmittags, was Pedro an Hörspielen produziert. Und wie vielen anderen Hörern fällt ihr auf, dass sich Fehler in die Handlungen einzuschleichen beginnen. Figuren aus den Vormittagsstücken schleichen sich plötzlich in Nachmittagsprogrammen ein, die Handlung wird immer absurder. Avantgardistisch, wie einige meinen, ein Kunstgriff des Autors. Nur Mario gesteht er den wahren Grund: er kann sich selbst nicht mehr erinnern…

Eines muss man Mario Vargas Llosa unbedingt lassen: und das ist sein Talent, auf sehr humorvolle Art und Weise mit wenigen Worten einen Charakter zu skizzieren.

Die ersten Soaps, die im Buch zu lesen waren, hätte ich auch unheimlich gerne bis zu Ende gelesen; kaum hatte mich das Fieber gepackt, kam leider schon das Schlusszeichen; Fortsetzung folgt. Doch leider nicht im Buch!

Irgendwann zwischendrin werden die einzelnen Serien auch etwas langatmig; aber wenn Pedro zum Schluss anfängt, sämtliche Handlungsstränge durcheinander zu werden, wird es wieder herrlich komisch.

Auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Mario und seiner Tante anspinnt, entbehrt nicht einer gewissen Komik; ein wunderbares Buch für sonnige Sommernachmittage!

Mario Vargas Llosa

Jorge Mario Pedro Vargas Llosa, geboren 1936 in Arequipa/Peru, ging 1959 als Stipendiat nach Madrid, arbeitete später in Paris. 1966 verlegte er seinen Wohnsitz nach London. Nach Inkrafttreten der neuen peruanischen Verfassung von 1980 zog er wieder nach Lima, seit 1987 ist er verstärkt politisch tätig. Er lebt heute in London und Lima. 1996 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2010 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Die Anführer
  • Die Stadt und die Hunde
  • Das grüne Haus
  • Gespräch in der „Kathedrale“
  • Der Hauptmann und sein Frauenbataillon
  • Flaubert und „Madame Bovary“: Die ewige Orgie
  • Tante Julia und der Kunstschreiber
  • Der Krieg am Ende der Welt
  • Maytas Geschichte
  • Der Geschichtenerzähler
  • Wer hat Palomino Molero umgebracht?
  • Lob der Stiefmutter
  • Tod in den Anden
  • Der Fisch im Wasser
  • Briefe an einen jungen Schriftsteller
  • Das Fest des Ziegenbocks
  • Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto
  • Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichen
  • Das böse Mädchen

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Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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