Birgit Vanderbeke - Geld oder Leben

Originaltitel: Geld oder Leben
Erzählung(en). S. Fischer Verlag 2003
139 Seiten, ISBN: 3596158001

Freiheit war das, woran der Vater glaubte, und daher zog die Familie vom geräumigen Häuschen der Großmutter in ein winziges Zimmer im Westen, und statt der Freiheit gab es anfangs vor allem kein Geld. Aber dann kam die Firmenwohnsiedlung, das erste Auto, das zweite, immer neue Einrichtungen, und plötzlich konnte man es sich nicht mehr leisten, billige Schuhe zu tragen, weil man als Führungsperson etwas hermachen musste, und scheiden konnte man sich auch nicht leisten, weil die Firmenleitung es nicht gerne sah, obwohl es da in den Staaten eine Sheila gab.

In der Schule lernte man auf einmal nicht mehr, wie toll die technischen Errungenschaften wären, sondern vom großen Knall und davon, dass der Kapitalismus nicht gut wäre für die Glücksbereitschaft und außerdem Gerechtigkeit wichtig wäre; als nächstes sagte man "Nein, danke" zu Atomkraft und fuhr wieder Fahrrad, übte Basisdemokratie an der Universität und war gegen die Unterdrückung der Frauen.

Irgendwann kam dann Kabelfernsehen und Kommunikation über Markenembleme auf der Kleidung, man kaufte Geld auf Kredit und lies es von selber wachsen, die Scheidung war dann doch möglich gewesen und für das neue Kind mussten von Anfang an die richtigen Weichen gestellt werden und irgendwann die internationale Schule bereit sein, und sie wohnte immer noch in der winzigen Studentenwohnung wie am Anfang und glaubte an Wurstsalat und Kräuter und auch ein wenig an die Liebe, obwohl das gar nicht mehr zeitgemäß war.

Birgit Vanderbeke hat von Anfang an einen sehr eigenwilligen Schreibstil gepflegt, den man entweder mag oder damit nichts anfangen kann. Auch in diesem Buch sind wieder einige sehr treffende Formulierungen enthalten, die sehr kurz und knapp lakonisch gewisse Zeitgeistströmungen beschreiben.

Besonders im Mittelteil des Buches, wenn sie von der Schul- und Studentenzeit erzählt, dem Aktivismus, der damals entwickelt wurde, um die Welt zu verbessern, lässt sie diese Zeit auch für Leser wie mich, die noch zu jung waren, um diese Strömungen selbst mitzuerleben, auf amüsante Weise wieder aufleben.

Aber obwohl ich mich wirklich an vielen Stellen amüsiert habe, wirkten diese knapp 140 Seiten auf mich wie ein weiterer Aufguss eines Themas, das die Autorin bereits in einigen ihrer Bücher auf recht ähnliche Weise abgehandelt hatte. Ich weiß nicht, ob es an mir liegt, an der Tatsache, dass ich die meisten ihrer Bücher kenne, aber wirklich begeistern kann mich mittlerweile weder ihr Stil noch der Inhalt, zumal sie für mich auch immer stärker in seichtem Gewässer herumdümpelt, wo sie sich früher durchaus ins offene Wasser gewagt hatte.

In einer guten Stunde hat man das Buch gelesen, sich ein wenig amüsiert - aber zum Nachdenken angeregt, gar verstört, wurde man nicht, dazu ist, was sie schreibt, zu gefällig und auch zu abgenutzt. Kein unbedingtes Muss, bestimmt nicht das beste Buch der Autorin, aber insgesamt ganz unterhaltsam.

Birgit Vanderbeke

Birgit Vanderbeke, 1956 im brandenburgischen Dahme geboren, lebt in Südfrankreich. Für ihre erste Erzählung, "Das Muschelessen", wurde sie 1990 mit dem Ingeborg-Bachmann Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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