Jane Urquhart - Die Bildhauer

Originaltitel: The Stone Carvers
Roman. Berlin Verlag 2002
430 Seiten, ISBN: 3827000823

Als Pfarrer Archangelus Gstirr in der Mitte des 19. Jahrhunderts in die kanadischen Wälder kam, um hier den deutschen Auswanderern geistlichen Beistand zu bieten, war von der kleinen Siedlung noch nicht viel zu erkennen. Aber der Gottesmann sah vor dem geistigen Auge bereits eine lebendige, mit Steinkirche, Brauerei und Gasthaus versehene Idylle vor sich, die er auch den Holzfällern vermitteln konnte. Mit seiner Begeisterung und Phantasie trieb er auch die nötigen Mittel aus dem deutschen Mutterland auf, um seine Vorhaben verwirklichen zu können - aber vor allem hatte er gleich zu Beginn Joseph Becker getroffen und in ihm den Mann, der die Kirche mit den notwendigen Heiligenstatuen versehen konnte.

Sein begnadetes Schnitztalent und die Gabe der Schneiderkunst, die seine Frau beherrschte, hatte auch Klara, die Enkelin, geerbt. Aber sein wertvolles Schnitzwerkzeug wollte der Großvater dennoch nicht ihr vermachen, sondern ihrem Bruder Tilman.

Tilman jedoch war für häusliches Leben nicht geschaffen. Wenn im Herbst die Zugvögel am Himmel zu sehen waren, zog es ihn mit - bis er eines Tages tatsächlich das Haus verließ, den Vögeln solange folgte, bis sie ans Wasser kamen, das er nicht mehr zu überqueren vermochte. Doch immer wieder kehrte er auch nach Hause zurück, setzte sich auf seinen Platz in der Küche, als wäre er nicht fortgewesen, ungeachtet der Qualen, die er seiner Mutter damit bereitete. Um ihn zu hindern, im nächsten Herbst wieder dem Lockruf zu folgen, lässt sie ihn anketten - und vertreibt ihn damit erst recht endgültig aus dem Haus.

Dass Klara ihm geholfen hatte, freizukommen, konnte die Mutter nie ganz verwinden. Nach ihrem Tod bleibt Klara alleine mit dem Vater zu Hause - ein stilles Leben, ausgefüllt vom Nähen netter Kleidungsstücke für die anderen Dorfbewohner und dem Schnitzen an ihrer Madonna. Bis eines Tages Eamus, ein Ire, in ihrem Leben auftaucht. Mit ihm erlebt sie, nach einer quälenden Anfangszeit, einen Sommer lang die Liebe - bis der erste Weltkrieg anfängt...

Das große Manko, das ich persönlich an dem Buch zu bemängeln habe, ist das Fehlen eines Zentrums, einer echten Mitte. Zwar läuft alles irgendwann auf die Kunst hin, auf den Ausdruck von Emotionen, gelebtem Leid und Liebe in Stein oder Holz; doch wirklich überzeugend ist das nicht. Für mich blieb während der ganzen Zeit des Lesens die Frage offen: es ist ja alles nett, aber was will mir die Autorin damit eigentlich sagen?

Trotzdem: auch wenn ich nicht hingerissen in die Geschichte eingetaucht bin, wenn mich die Begeisterung nie wirklich gepackt hat, die Figuren des Buches sind mir trotzdem vertraut geworden. Sie sind mir nicht zu Freunden geworden, eine enge Bindung ist es nicht - aber eine Vertrautheit, weil man eben einen Teil des Weges gemeinsam zurückgelegt hat, auch wenn man sich nie wirklich kennen gelernt hat.

Dazu kommt, dass Jane Urquhart dann, wenn sie wirklich ins Erzählen kommt, das auf sehr schöne Weise macht, mit einem ruhigen, feinen Stil, mit dem sie nuanciert zu zeichnen vermag. Vor allem dann, wenn sie das Handwerkliche an der Kunst beschreibt, ist sie in ihrem Element - diese Stellen gehören für mich zum Besten des Buches. Wenn sie hingegen die großen Gefühle in ihre Zeilen zu pressen versucht, gelingt das nicht immer. Auch ihre Bildersprache hat mich nicht immer überzeugt; die Symbolik, dass der Blick von Tilmans Mutter, nachdem sie mit ihrem Mann gerade den einzigen leidenschaftlichen Sex ihres Lebens hatte, ausgerechnet auf zuckende Vogelschwingen fällt, und somit die Wanderlust des Jungen begründet wird, hat mir eher Unbehagen eingeflößt als mich durch Poetik überzeugt.

Ein ambivalentes Urteil zu diesem Buch also - unzweifelhaft eine Autorin, die hervorragend schreiben kann, aber mich trotzdem nicht vollständig überzeugt hat. Wer langsam erzählte Geschichten schätzt, wird an diesem Buch aber sicher seine Freude haben.

Jane Urquhart

Jane Urquhart wurde 1949 in Geraldton, Ontario, geboren, wuchs in Toronto auf und lebt heute wieder in einer Kleinstadt im Südwesten Ontarios. Sie gehört zu den erfolgreichsten kanadischen Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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