John Updike - Unter dem Astronautenmond

Originaltitel: Rabbit Redux
Roman. Rowohlt Verlag 1971
399 Seiten, ISBN: 3499141515

Harry Angstrom, den wir noch aus *Hasenherz* kennen, ist wieder zurück. Zehn Jahre sind vergangen, seit er damals seine schwangere Frau hatte sitzen lassen, seit Janice das Baby dann hat ertrinken lassen. Vom einstigen Basketball-Star ist nicht mehr viel übrig; sein Körper ist schwerer, teigiger geworden, und seine Interessen gelten nicht viel mehr als der täglichen Arbeit als Setzer, der er gemeinsam mit seinem Vater nachgeht, und seiner Familie, der er allerdings auch nicht viel zu sagen hat.

Nelson ist ein kleinwüchsiger Jugendlicher, der sich noch nicht mal im Sport hervortut - und Janice, Rabbits Frau? Sie hat mittlerweile zu arbeiten begonnen, und blüht seither sichtlich auf. Nicht ohne Grund, wie Rabbit ausgerechnet von seinem eigenen Vater zugetragen wird: schließlich scheint das Verhältnis zu Stavros, dem Verkäufer, mehr als nur kollegial zu sein.

Nicht einmal Harry kann seine Augen tatsächlich davor verschließen; nachdem er sie mit Beweisen konfrontiert, gibt Janice ihre Affäre zu. Und ist auch gewillt, ihr Verhältnis zu beenden, doch das fordert Harry gar nicht von ihr. Janice zieht daraus ihre Konsequenzen - und zieht zu Stavros.

Nun ist Harry also der Sitzengelassene, der sich um den Sohn und den Haushalt kümmern muss. Eine Verabredung mit einem schwarzen Vorarbeiter aus seiner Druckerei beschert ihm dann unerwarteten Besuch: Jill, ein junges Mädchen, das von zu Hause ausgerissen ist, und nun für ein Dach über den Kopf und Essen gewillt ist, mit ihm zu schlafen.

Sie zieht bei ihm ein - zur großen Begeisterung von Nelson, der sich rasch mit der unkonventionellen Note, die sie dem Haushalt zufügt, anzufreunden weiß. Es ist die Zeit der Rassenunruhen, der Mondlandung und Flower Power, von Drogen und freier Liebe - und schon bald wird der Angstrom´sche Haushalt von einer weiteren seltsamen Figur bevölkert, einem Schwarzen, der seine eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht hat.

Auf gewohnt passive Weise lässt Harry die Dinge einfach passieren - bis es zur Katastrophe kommt...

Was diesen Roman, oder überhaupt die Rabbit-Serie so besonders auszeichnet, ist das scharfe Portrait einer amerikanischen Kleinstadt-Gesellschaft, mit ihren Meinungen zum Vietnamkrieg, zu Rassenfragen, zur Mondlandung; Zeitgeschichte, wie man sie selten in so konzentrierter Form zu lesen bekommt.

Dabei ist keine einzige Figur in diesem Roman ein Sympathieträger; vor allem Harry mit seinem Phlegma verursacht beim Lesen manchmal Ohnmachtsgefühle, weil man es einfach nicht glauben kann, dass ein Mensch sich so sehr reduzieren kann. Ein typisches Kleinstadtleben - Harrys Interessen beschränken sich darauf, hin und wieder Sport zu gucken, ein Spiel zu besuchen. Aber richtig berühren vermag ihn nichts, nichts der Auszug seiner Frau, den er sogar versteht, den er durchaus auch in seinem eigenen Handeln begründet sieht - noch Jill oder der Schwarze, die seinem Haushalt eine durchaus exotische Note verleihen.

Gerade im ersten Drittel des Buches war ich trotz relativ wenig aktiver *Handlung* begeistert von diesem Buch, von der Art, wie Updike hier einen Kosmos entstehen lässt. Danach gab es auch einige deutliche Längen, ich hätte die seltsame WG etwas abgekürzt, aber insgesamt gesehen: ein interessanter Rückblick!

John Updike

John Updike, geboren am 18. März 1932 in Shillington / Rennsylvania, trat nach einem Studium in Harvard und an der Ruskin School of Drawind and Fine Arts in Oxford 1955 für 2 Jahre in den Redaktionsstab des New Yorker ein. Die Erzählungen und Essays, die er dort veröffentlichte, begründeten seinen literarischen Ruhm. Er gilt heute als einer der bedeutendsten und unterhaltsamsten Erzähler unserer Zeit. John Updike lebt in Beverly Farms bei Boston.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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