Linn Ullmann - Gnade

Originaltitel: Nade
Roman. Droemer 2004
160 Seiten, ISBN: 3426196522

Es gibt nicht viele Punkte in seinem Leben, auf die Johan Sletten rückhaltlos stolz sein kann. Seine erste Ehe war eine lieblose Angelegenheit, das Verhältnis zu seinem Sohn ist feindselig, seinen bescheidenen Ruf als Journalist hat er durch eine ungeschickte Aktion endgültig ruiniert.

Aber wenn er seine Frau Mai ansieht, dann fühlt er sich stolz und glücklich, kann immer noch nicht glauben dass diese junge Frau ausgerechnet ihn ausgewählt hat, mit ihm zusammen sein will. Sie ist seine Gnade, das sagt er ihr immer wieder.

Und nun hat er von seinem Arzt erfahren, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat; die Erinnerung an das unwürdige Ende seines Vaters hat sich ihm nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt, und er weiß eines: so will er nicht enden, er will sein Leben anders beenden. Und Mai soll ihm dabei helfen...

Es ist die stille, schöne Geschichte eines Rückblicks auf ein Leben, in dem nicht viel passiert ist; eine ganz alltägliche Geschichte, ein durchschnittlicher Mann, der nichts außerordentliches geleistet hat, der sich mit Problemen herumschlägt, die wohl jeder kennt. Auch ich habe mich beim Lesen dieses kurzen Romans - eigentlich mehr eine Erzählung - immer wieder gefragt, worauf die Autorin eigentlich hinauswill.

Als ich das Buch mit einem Schulterzucken und "nätt, aber überflüssig" weglegen wollte, kamen mir aber ein paar Szenen wieder in den Sinn, die ganz beiläufig ziemlich tief unter die Haut gehen.

Eine davon zeigt Johan im Gespräch mit seinen Arbeitskollegen; voller Stolz will er ihnen ein Foto seiner Frau zeigen, die für ihn einfach wunderschön ist. Er zieht das Foto aus der Tasche, aber noch bevor er erklären kann, um wen es sich dabei handelt, kommen schon die ersten abschätzigen Kommentare seiner Kollegen, die sich über ihre Pummeligkeit lustig machen.

Für mich zeichnet sich dieses Buch durch viele dieser kleinen Momente aus, die gerade durch ihre Belanglosigkeit so genau zeigen, was uns abseits von den sonst so gern präsentierten großen Gesten und Gefühlen eigentlich wirklich ausmacht.

Wer keinen mitreißenden Plot sucht sondern sich auf eine kleine Geschichte einlassen will, der wird an diesem Buch sicher seine Freude haben.

Linn Ullmann

Linn Ullmann, 1965 geboren, ist die Tochter von Liv Ullmann und Ingmar Bergmann. 1999 erschien ihr international gefeierter Roman "Die Lügnerin". 2002 folgte "Wenn ich bei dir bin". Linn Ullmann ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Oslo.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©10.06.2004 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing