Ljudmila Ulitzkaja - Ein fröhliches Begräbnis

Originaltitel: Moskva - Kaluga - Los Andzelos
Roman. BLT 1998
206 Seiten, ISBN: 340492035X

Hochsommer in New York. Drückende Hitze, Schwüle - und in einer umgebauten Fabriksetage laufen eine ganze Menge sehr attraktiver Frauen nur spärlich bekleidet herum. Und mitten unter ihnen ist Alik - Alik, der, wie alle wissen, nur noch wenige Tage zu leben hat.

Deshalb sind sie auch alle in seiner Wohnung versammelt; Nina, Aliks Frau; Valentina, die Geliebte, Irina, die Frau, mit der er schon in Russland zusammengelebt hatte, und die er erst vor einigen Jahren in New York wiedergetroffen hatte, und ihre Tochter. Dazu kommen noch Nachbarn, ein Arzt, der hier in Amerika nicht praktizieren darf - ein bunt zusammengewürfelter Haufen völlig verschiedenartiger Menschen, die alle irgendwann die Heimat Russland verlassen und sich ins gelobte Land aufgemacht hatten.

Und obwohl ein Sterbender in ihrer Mitte ist, ist die Stimmung alles andere als gedämpft und steif; Alik, der geistig völlig klar ist, wird ganz selbstverständlich von einem Eck der Wohnung ins andere getragen, von seinen Frauen gewaschen, mit Getränken versorgt. Und auch mit geistlichem Beistand; der größte Wunsch seiner Frau ist es, dass er sich noch taufen lässt.

Es sind viele unheimlich komische Szenen - zum Beispiel das Gespräch, dass der Priester mit Alik führt. Es ist keine stringent erzählte Geschichte; Aliks Verfall ist das, was die einzelnen Schicksale zusammenhält. Und so absurd der eine oder andere Lebensweg auch erscheinen mag - gerade darin liegt die Vorstellung, dass man genau solche Menschen, wenn man die Augen aufmacht, jederzeit treffen kann, dass man solche Geschichten, wenn man es versteht, zuzuhören, auch erzählt bekommt.

Die größte Leistung, die die Autorin mit diesem Buch erbracht hat, ist aber, wie sie den Tod ihres Protagonisten behandelt: ganz unsentimental, aber mit sehr viel Liebe und Respekt schildert sie, wie Alik immer schwächer wird. Und wie er mit seinen Freunden, die ihn umgeben, das Thema seines Todes auch behandeln kann. Neben ihm wird gefeiert, gelebt, genossen - ohne ihn, der nicht mehr dabei sein kann, auszugrenzen, und ohne das schlechte Gewissen, das man erwarten könnte.

Ein wunderschönes Buch - heiter, leicht und beschwingt auf der einen Seite, und dabei noch mit Tiefgang. Sehr empfehlenswert!

Ljudmila Ulitzkaja

Ljudmila Ulitzkaja, 1943 im Ural geboren, wuch in Moskau auf. Sie studierte zunächst Biologie und arbeitete als Genetikerin, ging dann als Assistentin des künstlerischen Leiters zum Theater und wurde schließlich Anfang der achtziger Jahre freischaffende Autorin und Publizistin. Mit der Erzählung "Sonetschka" gelang ihr 1992 international der Durchbruch - im November 1996 erhielt sie dafür den "Prix Médicis". Ljudmila Ulitzkaja lebt in Moskau.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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