Anne Tyler - Fast ein Heiliger

Originaltitel: Saint Maybee
Roman. S. Fischer Verlag 1991
222 Seiten, ISBN: 3596127211

Jeder in der kleinen Stadt kennt die Familie Bedloe; jeder kennt die immer gut gelaunte Mutter, die drei reizenden Kinder; und wer sie kennt, mag sie auch. Sie empfinden sich selbst als etwas Besonderes; und es scheint nie etwas zu geben, was in ihrem Leben wirklich fehl am Platz wäre.

Ian, der jüngste Sohn, zweifelt manchmal an dieser Sonderstellung; und als sein Bruder seine Freundin zu Hause vorstellt - eine junge Frau, die bereits zwei Kinder hat und geschieden ist! - glaubt er, das erste Mal Ablehnung bei seinen Eltern beobachten zu können. Doch innerhalb weniger Sekunden ist der Schatten von ihnen gewichen; herzlich wie immer wird Lucy in die Familie aufgenommen.

Und ganz rasch wird auch geheiratet; bald darauf (zu früh, um genau zu sein) kommt auch ein drittes Kind zur Welt. Lucy fällt mit den drei Kindern zu Hause bald die Decke auf den Kopf; immer häufiger bittet sie Ian, doch am Nachmittag den Babysitter zu spielen. Dann kommt sie wieder nach Hause, strahlend, gut gelaunt, und immer wieder mit neuen Kleidern, die sie sich eigentlich gar nicht leisten kann.

Ian hegt einen Verdacht. Und als er an einem Abend, den er eigentlich mit seiner Freundin verbringen wollte, wieder auf die Kinder aufpassen soll, kann er nicht mehr an sich halten und lässt dem Bruder gegenüber eine Bemerkung fallen. Die Folgen sind katastrophal und unmittelbar - Vollgas gegen die nächste Mauer. Ein Unfall, wie allgemein angenommen wird. Denn niemandem kann Ian von diesem Gespräch, von seiner Schuld erzählen.

Als kurz darauf auch noch Lucy stirbt, stehen die Kinder ohne Eltern da. Der eigentliche Vater der älteren Kinder ist nirgendwo aufzutreiben, genausowenig wie sonst Verwandte von Lucy; so nehmen die Bedloes die Kinder zu sich. Aber Ians Eltern sind bereits zu alt; sie werden mit den Anforderungen nicht mehr fertig und suchen nach einer anderen Lösung - wissend, dass es keine geben wird.

Und Ian plagt nach wie vor das schlechte Gewissen. Es scheint ihm wie ein Wink des Schicksals, als er, gedankenschwer, an einer Kirche vorbeikommt. Der Priester hat auch bald einen möglichen Weg für ihn: er müsse für seine Schuld einstehen, meint er. Und seinen Eltern helfen, die Kinder großzuziehen; sein Studium, das er gerade begonnen hatte, aufgeben, sich einen Job suchen.

Bald ist Ian ständiges, aktives Mitglied der Gemeinde, die ihn auf den rechten Weg gewiesen hat. Lebt nach all ihren Grundsätzen, den guten Werken Samstag vormittags, dem Zuckerverbot, und natürlich auch dem Verzicht auf Sex ohne Ehe. Er wird zum sonderlichen Kauz, ohne Freundin, ohne Freunde - er, der früher so gesellig war! Die Kinder werden größer, und je älter sie werden, umso stärker wächst auch ihr Verständnis dafür, dass hier etwas im Argen liegt; da gibt es einen Menschen, der sein eigenes Leben, seine eigenen Wünsche für sie aufgegeben hat. Für sie, die noch nicht einmal mit ihm verwandt sind; er ist eben - fast ein Heiliger.

Das zu lesen, zu merken, wie Ian an der großen Last seiner Schuld zeitweise fast verzweifelt, wie er durch seine Religion zwar immer wieder Kraft erfährt, vor allem aber eine wesentliche Einschränkung in seinem Leben - das alles kann nur eine Autorin wie Anne Tyler schreiben, die in jeder Zeile spüren lässt, dass sie ihre Protagonisten nicht verurteilt, nicht auf sie herabblickt, sondern sie mit viel Güte und sehr viel Menschenkenntnis zeichnet.

Man wünscht es ihm so sehr, dass er neben der Pflichterfüllung doch noch ein bisschen Glück in seinem Leben findet; dass er, wenn die Kinder aus dem Haus sind (und das ist bald der Fall) nicht dasteht und das Gefühl hat, sein Leben verschenkt zu haben. Dass er anfängt, nicht immer das zu tun, was von ihm erwartet wird.

Es sind immer die kleinen Geschichten, die ganz alltäglichen Charaktäre, die Anne Tyler hier schildert; Menschen, die vor sich hin leben, ihre kleinen Wünsche und Träume haben - und die uns auf eine Art und Weise näher gebracht werden, die wirklich meisterhaft ist.

Anne Tyler

Anne Tyler wurde 1941 in Minneapolis geboren und lebt heute in Baltimore. Mit ihren mittlerweile 14 Romanen ist sie eine der erfolgreichsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihren Roman "Atemübungen" wurde sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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