Helene Tursten - Die Tätowierung

Originaltitel: Tatuerad torso
Krimi. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2002
446 Seiten, ISBN: 3442750652

Hunde buddeln auf Strandspaziergängen schon mal unappetitliches Zeug aus, den sie dann voller Stolz Herrchen oder Frauchen präsentieren. Der Inhalt des schwarzen Müllsacks allerdings, den der Hund diesmal bewacht, ist besonders ekelhaft: ein Torso, fachmännisch ausgeweidet, die Brust sorgfältig abgetrennt - so dass noch nicht einmal die Geschlechterzuordnung auf Anhieb möglich ist. Der einzige Anhaltspunkt für eine Identifizierung ist eine Tätowierung; sorgfältig gearbeitet, ein wahres Prachtstück. Und selten.

Die Fahndung nach dieser Tätowierung bringt tatsächlich bald ein Ergebnis: es sei ein Ladenschild in Kopenhagen, das da in die Haut gebrannt wurde. Und das ist noch nicht alles: auch in Kopenhagen gab es vor zwei Jahren einen ähnlich grausigen Leichenfund, nur dass es sich damals um einen weiblichen Torso gehandelt hatte.

Ganz klar, dass Irene Huss die Nachforschungen auch vor Ort betreiben muss. Und rasch ist auch der Laden gefunden, dessen Ladenschild die Vorlage für die Tätowierung lieferte; ein Gay-Sexshop, betrieben von einem ehemaligen Sumo-Ringer. Die Tatsache, dass auch Irene einen japanischen Kampfsport betreibt, scheint für Tom Tanaka vertrauenserweckend genug zu sein; jedenfalls hinterlässt er ihr eine Nachricht, sich dringend bei ihm zu melden. Und zwar ohne ihre dänischen Kollegen. Denn diesen, so erfährt sie im Gespräch, misstraut er zutiefst; ja, er kannte das Opfer, verrät er ihr. Ein junger Schwede, mit dem er erst vor kurzem eine leidenschaftliche Beziehung eingegangen war - und der ihm von einem Arzt und einem Polizisten erzählt hatte, die ihm gefährlich werden könnten.

Seltsame Parallelen - denn auch im Umfeld des ersten Opfers, der Prostituierten, die vor zwei Jahren in Kopenhagen ermordet worden war, waren immer wieder gerüchtweise von einem Arzt und einem Polizisten die Rede gewesen.

Als dann auch noch das junge Mädchen ermordet aufgefunden wird, das sie - weil sie schon mal in Kopenhagen war - suchen wollte, weil es die Tochter einer Nachbarin war, ist ihr Misstrauen endgültig geweckt: denn nur ihren drei Kollegen in Dänemark hatte sie erzählt, wen sie suchte....

Das ist kein Fall für Leser mit schwachen Nerven; auf ausgesprochen detaillierte, unappetitliche Schilderungen der Leichenstücke und was mit ihnen so angestellt wurde muss man sich gefasst machen.

Und es bleibt ja auch nicht bei einer einzigen Leiche - im Gegenteil! Nachdem die Nachforschungen erst begonnen haben, ist es ein permanenter Wettlauf mit der Zeit, und ein grausiger Fund jagt den nächsten.

Dass dabei natürlich auch Irene Huss selbst bedroht wird, ist irgendwie zu erwarten. Und genau da liegt auch der Haken - es ist ja schön und gut, dass der Leser ein persönliches Interesse an der Polizeibeamtin entwickeln soll, aber dass bei jedem Fall auch gleich ihr Leben und das ihrer Familie
gefährdet ist, hat man mittlerweile einfach in zu vielen Krimis gelesen, als das man es noch mit Spannung nachverfolgen könnte. Denn natürlich ist klar, dass es ihr nicht wirklich an den Kragen geht - wie könnte man sonstauch einen Serienermittler installieren? Dazu gehört natürlich auch, dass der Leser über das Familienleben ein wenig informiert wird; in diesem Fall handelt es sich dabei um ein äußerst biederes Familienleben. Heile Welt - die Töchter eine wahre Freude, auch wenn da vielleicht ein kleiner Autounfall zwischendurch etwas Kummer bereitet. Und natürlich ist die Ehe
auch gut und harmonisch. Dass der Gedanke an den gutaussehenden Kollegen in Kopenhagen einen Hauch des Begehrens weckt, soll hier wohl etwas Leben in die ansonsten recht farblose Hintergrundstory bringen; aber leider ist dieser Part so grottenschlecht geschrieben, dass man sich nur noch peinlich berührt abwenden kann.

Vom Essen lesen die Krimiliebhaber auch gerne, das weiß man spätestens nach dem Erfolg der Donna-Leon-Krimis. Also ist Irene´s Ehemann eben Koch - und verwöhnt natürlich auch seine Familie zu Hause kulinarisch. Und wieder eine der Anforderungen für eine erfolgreiche Krimiserie erfüllt, hurra! Dass die Autorin dann auch noch eine Schwedin ist und Krimis aus Skandinavien sich fast von selbst verkaufen, schadet dem Erfolg natürlich keineswegs.

Dass die Motivation für die Folgemorde mich persönlich nicht überzeugt hat, ist nur ein Detail, das aber im Wesentlichen nicht mehr wichtig ist. Denn insgesamt ist der Krimi solide gearbeitet, wenn auch sprachlich nicht gerade ein Genuss; einerseits bieder, andererseits unnötig brutal, gehört es leider nicht gerade zu den Büchern, die man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Helene Tursten

Helene Tursten wurde 1954 in Göteborg geboren. Bereits mit ihrem ersten Kriminalroman "Der Novembermörder" eroberte sie Schwedens Kritiker und Leser im Sturm. "Die Tätowierung" ist ihr drittes Buch um die Inspektorin Irene Huss.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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