Peter Truschner - Schlangenkind

Originaltitel: Schlangenkind
Roman. Zsolnay Verlag 2001
175 Seiten, ISBN: 3552051767

Was erwartet man von jemandem, der über seine Kindheit irgendwo auf dem Land in Österreich schreibt? Urwüchsige, kernige Gestalten, obszöne Sexualität, Gewalt, und dazu die Verklärung der Kinderaugen. Genau das liefert Peter Truschner mit dem Schlangenkind hier jedenfalls; er erzählt von seiner Kindheit in einem kleinen Dorf in Kärnten. Er wächst bei den Großeltern auf; die Mutter, die früh in eine unglückliche Ehe geflüchtet war, kann es sich nicht leisten, ihn in Salzburg um sich zu haben.

Die Großeltern sind wahrlich archaisch; da ist der Großvater, ein wahres Urgestein, dem weder der ständige übermäßige Alkoholkonsum wirklich etwas anzuhaben vermag noch die Tatsache, dass er in seiner Spielsucht bereits Haus und Hof verloren hat. Die Großmutter wiederum leidet einerseits unter diesem gewalttätigem Herrscher, ist ihm aber dennoch in tiefer Liebe verbunden; seine Launen auszuhalten fällt ihr jedoch wesentlich leichter, wenn sie ihren Enkel um sich weiß.

Schwer, sehr schwer fällt es ihr, Abschied zu nehmen als die Tochter ihn dann doch zu sich nach Salzburg holt. Nicht, dass sie plötzlich mehr Zeit für ihn gehabt hätte; aber sie will ihm die Möglichkeit geben, wegzukommen aus der Enge, der sie selbst entflohen ist, und schiebt ihn gleichzeitig wieder ab. Denn sie muss ihre Freiheit behalten, muss abends weggehen können, sich mit Männern treffen; anklagend und trotzig fühlt sich erst das Kind alleine gelassen, und dann, einige Jahre später, die Mutter. Das Blatt hat sich gewendet; sie ist es jetzt, die zu Hause sitzt und darauf wartet, dass er von seinen Partys nach Hause kommt.

Inzestuös, wie schon zur Großmutter, ist die Beziehung auch hier - nicht, dass etwas passieren würde, aber die Gedanken und Ansprüche aneinander sind da. Und erst, als er vor den Augen der Mutter Sex mit einer anderen Frau hat, ist die Loslösung endgültig vollzogen...

Ich will Peter Truschner gar nicht abstreiten, dass er schreiben kann. Gerade die sexuellen Szenen mit ihren Andeutungen, Auslassungen und Verheißungen sind ausgesprochen bildhaft und lebendig. Aber insgesamt merkte man doch bei jedem einzelnen Motiv: das habe ich schon einmal gelesen - aber besser.

Autobiographisch alleine reicht nicht, um ein Buch (auch wenn es sehr dünn ist) zu füllen; das wird hoffentlich auch dieser Autor bei seinem nächsten Buch beherzigen.

Peter Truschner

Peter Truschner, 1967 in Klagenfurt geboren, aufgewachsen in Maria Saal. Er studierte Kommunikationswissenschaften und Philosophie in Salzburg und lebt heute in Berlin. "Schlangenkind" ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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