Joanna Trollope - Eine ganz normale Affäre

Originaltitel: Marrying the Mistress
Roman. Hoffmann & Campe 2001
453 Seiten, ISBN: 3455077617

40 Jahre Ehe sind eine lange Zeit. 40 Jahre, in denen man gemeinschaftlich 2 Kinder großgezogen hat, sich ein wenig Wohlstand verschaffen konnte, ein Haus kaufen, einen Garten anlegen - aus dieser wohlgeordneten Existenz auszubrechen erfordert einigen Mut.

Guy schafft es eines Tages doch, den entscheidenden Schritt zu tun, nachdem er schon seit 7 Jahren mit Merrion ein Verhältnis hat. Ein ungleiches Paar - Merrion ist jünger als Guys Söhne, steht am Beginn, wo er bereits den Zenit erreicht hat.

Diese Eröffnung trifft die Familie wie ein Schlag. Laura, Guys Frau, ist am Boden zerstört. Zwar war es keine besonders glückliche, leidenschaftliche Ehe gewesen, aber das Gefühl, nun für eine Jüngere einfach so verlassen zu werden, erschüttert ihren Glauben an sich selbst.

Die Söhne sollen ihr helfen - vor allem Simon, der sie ja im Gegensatz zu Alan versteht, ihr nicht auch noch weismachen will, dass das jetzt vielleicht die Chance wäre, noch mal neu anzufangen und vielleicht doch noch ein wenig Glück zu finden. Nein, davon will sie nichts hören; Guy, soll für seine Verfehlung büßen, soll bezahlen. Und sei es mit dem völligen Bruch von seinen Kindern...

Dass die Trennung der Eltern auch dann noch ausgesprochen schmerzhaft und verletzend sein kann, wenn man selbst bereits seit längerer Zeit verheiratet ist und bereits halbwüchsige Kinder hat, hat Joanna Trollope hier meisterhaft geschildert.

Sie erzählt von einem Sohn, der vor lauter schlechtem Gewissen seiner Mutter gegenüber beinahe seine eigene Ehe aufs Spiel setzt, von emotionaler Erpressung durch die so schwach und hilflos wirkende Laura, und Konflikten zwischen Eltern und Kindern, speziell Vätern und Söhnen, und wie eine Krise manchmal doch dazu führen kann, dass Menschen sich einander annähern.

Auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, dass die Leser auch verstehen, was die Autorin uns mitteilen will, ohne dass uns der Autor auf jede Stimmungsschwankung nachdrücklich hinweisen müssen; es gibt einen Grund, der den Roman für mich wirklich außerordentlich interessant machte: dass nicht jede Liebe ein Happy-End braucht, um ihre Bedeutung zu erfüllen.

Ein gewohnt guter Roman von Joanna Trollope - keine intellektuelle oder sprachliche Meisterleistung, aber ausgezeichnete Unterhaltung!

Joanna Trollope

Joanna Trollope ging nach dem Studium in den Auswärtigen Dienst und wechselte später ins Lehrfach. Heute lebt sie als Schriftstellerin in Goucestershire.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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