Anthony Trollope - Septimus Harding, Spitalvorsteher

Originaltitel: The Warden
Roman. Manesse 2002
391 Seiten, ISBN: 3717519948

Besser als es war, konnte es für Septimus Harding, Spitalvorsteher, nicht mehr werden. Sonntags stand er als Kantor für die Gottesdienste bereit, widmete sich mit Hingabe seiner Leidenschaft, den Kirchenliedern; dazu bewohnte er ein wunderbares Anwesen, das mit seinem Posten als Spitalvorsteher verbunden war. Arbeit machte ihm dieser Posten kaum; die 12 alten Männer, deren Wohl und Wehe es zu beachten galt, benötigten vor allem einen Freund, jemanden, der ihnen ihre letzten Lebensjahre verschönerte. Noch dazu hatte er schon bei Amtsantritt bewiesen, dass er durchaus zur Großzügigkeit neigte; aus seiner eigenen Tasche erhöhte er den Tagessatz, den die Bewohner erhielten.

Seine älteste Tochter war gut verheiratet mit dem Erzdiakon, die jüngste wohnte noch zu Hause und war ihm eine echte Freude. Und einen jungen Mann, der sie wahrscheinlich eines Tages als die Seine heimführen würde, konnte man auch schon erahnen; John Bold, ein nicht unvermögender junger Arzt, der sich aber weniger den körperlichen Gebrechen seiner Mitmenschen sondern den moralischen Gebrechen der Zeit widmete.

Als ihm daher eines Tages zu Ohren kam, dass es bei der Verteilung der Einkünfte aus der Stiftung, der das Spital sein Dasein verdankte, nicht unbedingt mehr so zuginge, wie der Erblasser es ursprünglich gedacht hatte, gab es für ihn nur eine Aufgabe: diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.

Dass er damit seinen lieben Freund und möglichen Schwiegervater in Spe in eine sehr unangenehme Situation manövrieren würde, hatte er dabei nicht bedacht - und wenn, Politik hat vor privaten Interessen zurückzustehen! So kommt es, dass Septimus Harding sich plötzlich mit bitteren Anschuldigungen konfrontiert sind, die sein soziales Gewissen wach werden lassen. Obwohl sein Schwiegersohn, der Erzdiakon und eifrige Verfechter der klerikalen Rechte, sofort hochrangige Rechtsunterstützung sucht, kann ihm doch keiner die für ihn entscheidende Frage beantworten: Ist das Einkommen, aus dem er seinen Lebensunterhalt bestreitet, nun rechtens oder nicht?

Doch solche Gewissensfragen kümmern den Erzdiakon und die Rechtsanwälte nicht, also muss Septimus Harding andere Wege suchen, um sein Gewissen zu beruhigen...

Wie konnte es eigentlich geschehen, dass Anthony Trollope an mir so völlig vorübergehen konnte? Was habe ich da versäumt! Obwohl das Erstveröffentlichungsdatum über 150 Jahre zurückliegt, liest sich der Roman kein bisschen verstaubt. Es ist ein Gesellschaftsroman, in dem auf liebevoll-spöttische Weise der Klerus, der in der kleinen (fiktiven) Stadt Barchester den Rang des Landadels einnimmt, geschildert wird.

Gewitzt findet Septimus Harding eine Lösung, die zwar alle Seiten enttäuscht, ihn aber doch mit halbwegs reinen Gewissen aus der unangenehmen Lage manövriert, in die ihn John Bolds Nachforschungen gebracht hatten. Eine herrliche Rolle spielt dabei der Erzdiakon, der bereit ist, notfalls mit Zähnen und Klauen das bislang erworbene Recht der Kirche zu verteidigen.

Und natürlich gibt es da auch noch eine zarte Liebesgeschichte, die den Plot abrundet und auf wunderbare Weise Jane Austens Romane karikiert.

Schade, dass ich so wenige historische Daten aus dem viktorianischen England kenne, dann wäre mein Vergnügen an den Anspielungen, kleinen Spitzen und satirischen Wendungen gewiss noch größer gewesen, doch auch so war es zum Beispiel höchst vergnüglich zu lesen, wie mit einem kleinen Zusatz in einem Gesetzesentwurf, der dazu bestimmt war, die katholischen Iren zu erzürnen, die Wirtschaft beeinflusst wurde.

Oder die Anspielungen auf Charles Dickens, hier nur als "Mr. Popular Sentiment" bezeichnet - alleine dieser Name erheitert, ohne den Rest dazu zu lesen.

Die Anmerkungen, die in der Manesse-Ausgabe Unterstützung bei der Zuordnung der einzelnen Spitzen helfen, waren mir beim Lesen höchst willkommen, gefreut hatte ich mich auch an der ausführlichen Autorenbiographie im Nachwort.

Für mich war es eine unerwartete Entdeckung - eine Empfehlung!

Anthony Trollope

Anthony Trollope wurde am 24. April 1815 als Sohn eines Juristen und einer Pfarrerstochter in London geboren. Die Schulden des Vaters führen zur Flucht der Familie nach Belgien. Die Mutter lässt Anthony alleine mit dem depressiven Vater zurück, um einen finanziellen Neubeginn in den USA zu wagen. Sie beginnt, Romane zu schreiben. Trollope bleibt ein Schulabschluss an einer Eliteschule sowie eine universitäre Laufbahn verwehrt; durch Beziehungen der Mutter beginnt er 1834 als kleiner Angestellter in der Londoner Postverwaltung. 1841 wird er nach Irland versetzt, 1844 heiratet er. Ab 1843 beginnt er, wie schon seine Mutter und sein Bruder Thomas, Romane zu schreiben. Durchbruch hatte er jedoch erst mit "The Warden", dem ersten Roman der Barsetshire-Reihe. 1867, nach 33 Dienstjahren, nimmt Trollope Abschied von seiner erfolgreichen Laufbahn, hört jedoch nicht auf zu schreiben. Er stirbt 1882.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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