Hans-Ulrich Treichel - Der Verlorene

Originaltitel: Der Verlorene
Roman. Suhrkamp Verlag 1998
175 Seiten, ISBN: 3518395610

Das Bild eines lachenden Babys auf einer weißen Wolldecke löst bei der Mutter jedesmal eine wahre Tränenflut aus.

Das sei sein älterer Bruder, der während des Krieges gestorben sei, wird ihm, dem Nachkriegskind, immer wieder erzählt. Ein Bruder, der nur aus einem Bild besteht - und der dennoch einen Schatten auf ihn wirft.

Nach einigen Jahren sind die Eltern der Meinung, er könne jetzt die ganze Wahrheit ertragen - dass dieser Bruder nicht, wie vermutet, tot, sondern auf der Flucht verlorengegangen sei.

Und so aberwitzig die Hoffnung auch sein mag, die Mutter klammert sich daran, den Verlorenen wieder zu finden.

Schädelvermessungen, Fußvergleiche, Blutbild - alles wird überprüft, auf Übereinstimmungen durchsucht. Oder wäre doch die "Sprache des Blutes" stärker?

Dieser Roman ist für mich das beste Beispiel dafür, wie man durch die verzweifelte Suche nach der verlorenen Vergangenheit die Gegenwart völlig außer Acht lassen kann.

Immer ist es nur der verlorene Bruder, der gesucht wird, vermisst wird - der lebende Sohn bleibt dagegen ein Schatten, dem vorgeworfen wird, die Suche nicht ernst genug zu nehmen, keine Trauer zu verspüren.

Die Erzählung findet ihren tragikomischen Höhepunkt bei den Untersuchungen in Heidelberg; die Wahrscheinlichkeit, dass das in Frage kommende Findelkind der Bruder des Jüngeren wäre, ist noch relativ hoch. Aber als Elternteil kommen weder Vater noch Mutter in Frage.....

Ein Buch, das ich wirklich nur aus ganzem Herzen weiterempfehlen möchte - weil es eine interessante Zeit schildert, dabei auf schmerzhafte Weise humorvoll bleibt - und weil Treichel ganz einfach gut erzählen kann....

Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel geboren 1952 in Versmold in Westfalen, lebt in Berlin und Leipzig. Seit 1995 ist er Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Auszug aus dem Titelverzeichnis:





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