Leo N. Tolstoi - Anna Karenina

Originaltitel: Anna Karenina
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 1875
809 Seiten, ISBN: 3423124946

Anna Karenina ist mit Sicherheit eine der bekanntesten Liebesgeschichte der Literaturgeschichte. In einem breit angelegten Gesellschaftsroman erzählt Leo N. Tolstoi aber nicht nur die Geschichte dieser Frau der russischen Aristokratie, die ihren Mann und Sohn für die Liebe ihres Lebens verlässt und sich schlussendlich aus Verzweiflung vor den Zug wirft; er zeigt verschiedene Entwürfe von Ehegemeinschaften, von Lebensstilen.

Aber der Reihe nach: Anna Karenina kommt nach Moskau, um ihrem Bruder Stiwa bei dessen Eheproblemen zu helfen: seine Frau hatte entdeckt, dass er ein Verhältnis mit einer früheren Gouvernante unterhielt und wollte sich von ihm trennen. Mit viel Einfühlungsvermögen schafft Anna es, ihre Schwägerin Dolly zu überreden, bei ihrem Mann zu bleiben.

Ljewin, ein Jugendfreund Stiwas, war in der Zwischenzeit von seinem Landgut nach Moskau gekommen, um Dollys Schwester Kitty einen Heiratsantrag zu machen. Seit dem vorangegangenen Winter hat Kitty aber auch einen weiteren Verehrer, der wesentlich glanzvoller als der ernsthafte, eigenbrötlerische Ljewin ist: Graf Alexej Wronskij. Jeden Moment erwartet sie, dass er ihr einen Antrag macht - und so gibt sie Ljewin einen Korb.

Anna Karenina und Wronskij treffen sich auf einem der großen Bälle der Saison zum ersten Mal; es ist der Ball, als dessen Abschluss Kitty erwartet, als Wronskijs Verlobte nach Hause zu gehen, doch dieser hat nur noch Augen für Anna. Als diese am nächsten Morgen wieder nach St. Petersburg aufbricht, folgt er ihr.

Es dauert eine ganze Weile, bis aus Wronskijs Avancen eine Affäre wird; Anna gehört zu den führenden Moskauer Kreisen, hatte einen Mann geheiratet, den sie zwar nicht liebte, aber doch zumindest zu achten gelernt hatte. Seit sie aber Wronskij kennt, wird er ihr zuwider. Eifersucht ist ihrem Mann eigentlich fremd; dafür fehlt ihm die Grundvoraussetzung, die Leidenschaft, die Liebe zu seiner Frau. Was ihn bewegt ist das Gerede in seinen Kreisen, dem er Einhalt gebieten möchte. Trotz ihrer Liebe zu Wronskij, trotz ihrer Schwangerschaft bleibt Anna doch bei ihrem Mann; sie liebt ihren Sohn, weiß, dass sie ihn nicht wiedersehen wird, wenn sie sich von ihrem Mann trennt. Von Wronskij kann sie aber auch nicht lassen. Bei der Geburt ihrer Tochter ist ihr Leben in Gefahr; ihr Mann verzeiht ihr angesichts des nahenden Todes großmütig, Wronskij versucht, sich zu erschießen - doch Anna überlebt und verlässt ihren Mann.

Ljewin und Kitty sind in der Zwischenzeit doch noch ein Paar geworden; bei aller Liebe, die sie füreinander empfinden, sind sie beide überrascht und unglücklich darüber, dass sie so viele Kämpfe zu durchstehen haben, so oft zanken. Auch Anna und Wronskij sind unglücklich...

In epischer Breite bereitet Tolstoi hier eine ganze Gesellschaftsschicht vor uns aus. Während der ersten Hälfte des Romans hat mich diese Fülle an Ideen, Geschichten, Charakteren begeistert; ich war beeindruckt von der Fähigkeit des Autors, sich Zeit zu nehmen für eine genaue Charakterisierung seiner Protagonisten, von der Auslotung der Nuancen gesellschaftlichen Status und Beziehungen.

In der letzten Hälfte des Romans wird aber weniger die Handlung weitergeführt als vielmehr in manchmal lähmender Ausführlichkeit auf die Themen der Zeit eingegangen; Landreform, die serbische Frage, die Orientierung am Westen - und man kann bereits Tolstois spätere radikale Wendung hin zur Religion vorwegnehmen.

Gerde vom ersten Teil war ich sehr begeistert; Anna Karenina ist ein Buch, das man in jedem Lebensalter ein wenig anders liest, dem man schon früh aufgrund der Liebesgeschichte etwas abgewinnen kann, und bei dem später das Gesellschaftsportrait immer interessanter und wichtiger wird.

Über 100 Jahre alt ist das Buch bereits; das merkt man ihm nicht an, es ist stilistisch so unprätentiös, das es sich auch heute noch hervorragend liest. Es ist einer der Klassiker, den ich immer wieder gerne zur Hand nehme!

Leo N. Tolstoi

Leo N. Tolstoi wurde am 28. August 1828 geboren. Er studiert erst orientalische Sprachen, dann Jura, beschäftigt sich aber vorwiegend mit Philosophie und verlässt die Universität ohne Abschluss. Nach Tätigkeiten in der Landwirtschaft und im Verwaltungsdienst tritt er in die Kaukasusarmee ein. Ab 1851 beginnt seine eigentliche literarische Tätigkeit. 1857 nimmt er Abschied vom Militär. 1862 heiratet er die Arzttochter Sofja Andreevna Bers. Sein Monumentalroman "Krieg und Frieden" entsteht zwischen 1863 und 1869, an Anna Karenina schreibt er von 1873 bis 1877. 1901 wird Tolstoi exkommuniziert; 1908 veröffentlicht er einen Aufruf gegen die Todesstrafe. Am 28. Oktober 1910 flieht er vor seiner Familie und stirbt am 7. November auf der Bahnstation Astapovo.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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