Leo N. Tolstoi - Kreutzersonate

Originaltitel: --
Roman. Goldmann Verlag 1900
175 Seiten, ISBN: 3442075890

Bei einer langen Zugfahrt ist es fast unvermeidlich, auch von den Gesprächen der Mitreisenden etwas mitzukriegen. Vor allem, wenn sich daraus eine so lebhafte Diskussion über die wahre Liebe und ihre Dauer entbrennt; als die meisten Fahrgäste bereits ausgestiegen waren, begann ein älterer Mann zu erzählen...

Denn von ihm war im Gespräch der Fahrgäste die Rede gewesen; von einem Ehemann, der in einem Anfall von rasender Eifersucht seine Frau ermordet hatte. Er ist nicht mehr der Mann, der er damals war, beeilt er sich, seinem Nachbarn zu versichern; und um das unter Beweis zu stellen, beginnt er seine Geschichte zu erzählen.

Er war, wie jeder junge Mann seiner Gesellschaftsschicht, in sorglosem Wohlstand aufgewachsen, ohne allzuviele Verpflichtungen, war frühzeitig mit den Ausschweifungen in Berührung gekommen, und natürlich auch mit Frauen. Schließlich befriedigte er damit nur ein gesundheitliches Bedürfnis, wie ihm die Gesellschaft vermittelte.

Wie es üblich war, ging natürlich auch er auf Brautschau; natürlich dürfte die zukünftige Mutter seiner Kinder sich in keinster Weise einem ähnlichen Lebenswandel hingegeben haben wie er; rein und keusch musste sie sein, die Erwählte; und natürlich schön. Denn worauf achtet man schon bei Frauen? Alles Gerede von den moralischen Qualitäten einer Frau wäre doch nur Selbstbetrug, denn "Fragen Sie eine erfahrene Kokette, die es sich vorgenommen hat, einen Mann zu bezaubern, was sie eher riskieren würde: in seiner Gegenwart der Lüge, der Grausamkeit, ja selbst der Unsittlichkeit überführt zu werden, oder in einem schlecht gearbeiteten, geschmacklosen Kleid vor ihm zu erschienen. Jede einzelne wird sich für das erste entscheiden. Sie weiß, dass die erhabenen Gefühle, die unsereins zur Schau trägt, durch und durch erlogen sind, dass es dem Manne nur auf den Körper ankommt, dass er alle Laster verzeiht, nicht aber ein hässliches, schlecht gearbeitetes, geschmackloses Kleid."

Nun war er also verheiratet - und musste erkennen, dass sein geistiges Ideal einer Ehe so gar nicht der Realität entsprach, dass es Streitigkeiten um Nichtigkeiten gab, und vor allem: dass der Dämon der Eifersucht ihn zu quälen begann...

Die Erzählung ist auch heute noch in mancher Hinsicht aktuell geblieben und lesenswert; aber was man heute beim Lesen vor allem spürt, ist der enorme Frauenhass, den der Autor wohl verspürt hat. Das Bild der Frau, das er hier zeichnet, empört uns heutzutage; ein Schilderung der Frau als geistig minderbemitteltes Wesen, deren ganzes Trachten sich danach richtet, einen Mann in ihre Ehefalle zu locken.

Vor allem aber verteufelt der Autor in dieser Erzählung die Sinnenlust. Für ihn ist das menschliche Streben nach Liebe und Leidenschaft der Grund für alle zwischenmenschlichen Probleme; ein Akt, der rein der Lustbefriedigung dient, ist für ihn aus moralischen Gründen strengstens abzulehnen, wie er auch im Nachwort noch erörtert.

Die moralische Frage, die hier aufgeworfen wird, hat meines Erachtens heute eher Unterhaltungswert; doch womit der Autor mich immer wieder in seinen Bann schlägt, ist seine Fähigkeit zur Skizzierung einer ganzen Gesellschaftsschicht mit wenigen Worten, mit dem Lebendigwerden seiner Figuren durch die Sprache.

Leo N. Tolstoi

Leo N. Tolstoi wurde am 28. August 1828 geboren. Er studiert erst orientalische Sprachen, dann Jura, beschäftigt sich aber vorwiegend mit Philosophie und verlässt die Universität ohne Abschluss. Nach Tätigkeiten in der Landwirtschaft und im Verwaltungsdienst tritt er in die Kaukasusarmee ein. Ab 1851 beginnt seine eigentliche literarische Tätigkeit. 1857 nimmt er Abschied vom Militär. 1862 heiratet er die Arzttochter Sofja Andreevna Bers. Sein Monumentalroman "Krieg und Frieden" entsteht zwischen 1863 und 1869, an Anna Karenina schreibt er von 1873 bis 1877. 1901 wird Tolstoi exkommuniziert; 1908 veröffentlicht er einen Aufruf gegen die Todesstrafe. Am 28. Oktober 1910 flieht er vor seiner Familie und stirbt am 7. November auf der Bahnstation Astapovo.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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