Uwe Timm - Rot

Originaltitel: Rot
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2003
394 Seiten, ISBN: 342313125X

Zwei, drei gute Jahre hätte er noch vor sich, in denen er den Frauen gefallen könnte - das sagt Thomas Linde sich selbst, das kriegt er aber auch von seiner jungen Freundin Iris, der Lichtinstallateurin zu hören. Wie er eine so attraktive junge Frau überhaupt hat erobern können fragt er sich auch selbst; kennen gelernt hatten sie sich bei einer Beerdigung, einer der vielen, bei denen Thomas Linde die Rede gehalten hatte. Es ist sein Beruf: Leichenredner, einer, der für die vielen Verstorbenen, die keiner Konfession angehören, ein paar Worte spricht, der sich bemüht, die Widersprüche in ihren Leben behutsam in die Abschiedsrede mit einfließen zu lassen.

Linde weiß, dass er gut ist in seinem Beruf. Aber dass jemand in seinem Testament verfügen würde, unbedingt ihn als Redner bei der eigenen Beerdigung zu wünschen, und das auch noch für ein ausgesprochen hohes Honorar, das verwundert ihn doch. Zumal er den Namen des Betreffenden nicht kennt.

Doch in den wenigen Tagen seiner Vorbereitungszeit auf diese Rede findet Linde die Gemeinsamkeiten; ja, doch, er kannte ihn, diesen Peter Lüders, der vor seiner Hochzeit Aschenberger hieß. Gemeinsam hatten sie einst den Klassenkampf gekämpft, voller Überzeugung Zeitungen vor Betrieben verteilt, Komitees gegründet, diskutiert, waren für ihre Meinung auf die Straße gegangen.

In diesen Tagen geht Linde den Weg zurück zu dem leidenschaftlichen jungen Mann, der er einmal war, zu seinen Idealen, prüft, was daraus geworden ist, erinnert sich an alte Freunde, die in der Zwischenzeit ebenfalls ganz andere Wege eingeschlagen haben, als die Parteizugehörigkeit damals hätte vermuten lassen. Nur Aschenberger, der war seinen Prinzipien treu geblieben - das merkt Linde immer stärker, je mehr er sich in dessen Aufzeichnungen vertieft, und spürt, das er mit diesem Vermächtnis einen Auftrag erhält...

Zu Beginn war ich geradezu hingerissen von diesem Buch. Die Reden, die Linde bei den Begräbnissen hält, die Geschichten über die Gespräche davor, sein Herausarbeiten der Nuancen - das hat mich ungeheuer beeindruckt. Ich habe selten so schöne, wahre und unpathetische Worte zum Thema Trauer gelesen wie hier; schon alleine dafür lohnt es sich, dieses Buch zu lesen.

Dann kommt Aschenberger ins Spiel und mit ihm die Geschichte der 68er, ein Stück deutscher Zeitgeschichte aus der Sicht eines Beteiligten; für mich als Generation danach ein Stück Geschichte, das noch nicht fern genug ist, als das es wirklich als "Geschichte" gilt, und doch nur aus vagen Erzählungen oder eben Büchern bekannt. Immer dann, wenn Timm in diesem Zusammenhang wirklich erzählt, die Überzeugungen und Hintergründe lebendig werden lässt - dann war ich gefangen und fasziniert.

Aber damit hat er sich leider nicht begnügt; je weiter das Buch fortschreitet, umso stärker fängt der Autor nämlich an, zu dozieren. "Ich verliere mich" lässt er seinen Protagonisten immer öfter denken; ja, du verlierst dich, du verlierst diese Geschichte, wollte ich dem Autor gerne darauf antworten.

Entsprechend zwiespältig fällt auch meine Empfehlung aus: teilweise überragend, dann wieder furchtbar langweilig oder befremdend. Mehr von diesem Autor muss ich nun aber auf jeden Fall lesen.

Und zuletzt noch ein Lob an den Verlag - das Titelbild empfinde ich als ausgesprochen gelungen! Ein Bild, das mich persönlich sofort dazu anregt, in das Buch zumindest reinzulesen, egal, worum es gehen mag.

Uwe Timm

Uwe Timm wurde am 30. März 1940 in Hamburg geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in München und Paris. Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in München.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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