Melanie Rae Thon - Das zweite Gesicht des Mondes

Originaltitel: Iona Moon
Roman. Rowohlt Verlag 1999
426 Seiten, ISBN: 3498065130

Irgendwo in Idaho gibt es ein Nest namens White Falls. Und da, nochmals ein Stück weiter draußen, in den Flats, wohnt Iona Moon mit ihren Brüdern, ihrem Vater und der krebskranken Mutter.

Nun ist das Leben in White Falls schon nicht besonders erstrebenswert - eine typische Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, aus der auch niemand endgültig wegzieht. Jay hätte diese Chance, er kann aufs College gehen, gehört zur besseren Gesellschafts-
schicht - und läßt sich trotzdem mit Iona ein. Allerdings nur nachts, wenn keiner es sieht - öffentlich zeigen will er sich nicht mit einer, die Kuhmist an den Füßen in die Stadt trägt.

Nach dem Tod ihrer Mutter hält Iona nicht mehr viel zu Hause - und so macht sie sich eines Nachts auf den Weg nach Seattle, um in einem leeren Zimmer zu landen, die Nachtschicht an einer Tankstelle zu übernehmen.

Eddie, der Indianer mit dem Holzbein, ist ihr einziger Anhaltspunkt. Für kurze Zeit gibt es für die beiden ein kleines, gestohlenes Glück.

Als Iona feststellt, daß sie, egal wie weit sie wegläuft, sich selbst doch immer mitnimmt, kehrt sie nach White Falls zurück, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, die High-School zu beenden - und vielleicht auch einen neuen Anfang mit Jay zu wagen.

Zu Beginn wird wirklich kein Klischee ausgelassen. Natürlich macht Iona ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit ihren Brüdern, natürlich wird ihre Freundin vom Vater geschwängert, natürlich ist die Mutter Jays eine Alkoholikerin, der Vater geht fremd. Der Schwachsinnige und der Kriegsveteran, der mit seinen Erlebnissen nicht zurande kommt und sich deswegen umbringt, fehlt auch nicht. Scheinbar ist das so in der amerikanischen Provinz.

Parallel zur Geschichte der Iona Moon werden noch einige andere erzählt, allesamt Menschen, die zwar an der Oberfläche funktionieren, aber eigentlich mit ihrem Leben nicht zurandekommen.

Doch ab dem Zeitpunkt, da die Geschichte sich wirklich mit Iona beschäftigt, mit ihrem Mut, ihrer Unerschrockenheit und Kraft, da hat das Buch angefangen, mich wirklich zu fesseln.

Auch wenn ich bis zum Schluß die Schilderung der Lebensumstände als reichlich dick aufgetragen empfand - Iona Moon ist eine sehr lebendige, facettenreiche Persönlichkeit, die einem regelrecht ans Herz wächst.

Melanie Rae Thon

Melanie Rae Thon ist in Montana geboren und aufgewachsen. Sie studierte Creative Writing an der Boston University. Sie lebt und unterrichtet in Boston.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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