Thomas Hettche - Die Liebe der Väter

Originaltitel: Die Liebe der Väter
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2010
223 Seiten, ISBN: 3462041878

Niemals hätte er zulassen sollen, dass seine Tochter nach der Freundin von Pippi Langstrumpf, also Annika, genannt wurde. Wenn er ganz ehrlich sein soll, war ja die Sache mit dem Kind überhaupt ein Fehler. Und wenn es nach ihm, nach Peter, gegangen wäre, dann… wäre es mit Annikas Mutter bei einer netten Liebelei geblieben, die sich nach ein paar Wochen von selbst erledigt hätte. Doch durch das Kind, das die Kindsmutter egoistischerweise nicht abtreiben ließ, ist er nun auf Gedeih und Verderb deren Wohlwollen ausgeliefert, wenn es um seine Tochter geht.

Damit sind wir auch schon an meinem Hauptkritikpunkt für diesen Roman angelangt: am verkorksten Verhältnis Peters zu seiner Tochter Annika sind nämlich vor allem alle anderen schuld. Allen voran natürlich die Mutter (zu der gleich noch mehr), aber auch die Gesellschaft, die Gesetzgebung… nur er selbst hat darauf so gut wie keinen Einfluss, er ist schließlich das Opfer. Das Opfer der Frau, die das Kind gegen seinen Willen bekommen hat. Als er die Beziehung dann beendet und etliche hundert Kilometer weg zieht bleibt die Tochter natürlich bei der Mutter - "natürlich" aber nicht nur, weil sie eben das Sorgerecht hat und er nicht, sondern auch, weil er ja keine Anstalten unternommen hat, sie mitzunehmen. Er brauchte das ja auch nicht einzuplanen - schließlich gibt es ja eine Mutter, die für den lästigen Alltag des Kindes zuständig ist, auch wenn es selbstverständlich eine fürchterlich schlechte Mutter sein muss, die Hettche uns da präsentiert.

Ines, so ihr Name, mutet dem Kind nicht nur ihre wechselnden Liebhaber zu, sondern lässt es im Urlaub halluzinogene Pilze essen, mit ihrem Liebhaber Zungenküsse ausprobieren; sie ist unzuverlässig, hält Verabredungen nicht ein, spielt das Kind aus, um ihre Macht zu demonstrieren. Und das alles hat sich schon ganz zu Beginn abgezeichnet, als Annika gerade mal drei Monate alt war - da hat sie sich doch tatsächlich eingebildet, sie könne für eine Woche ihrer Arbeit nachgehen, während der Vater das Kind hüten solle…

Hettche arbeitet sich in der "Liebe der Väter" meiner Meinung nach an einem Klischee ab. Er will jeden Aspekt der Ungerechtigkeit der Sorgerechtssprechung (die mittlerweile, wie selbst im Buch an einer einzigen Stelle kurz angesprochen wird, zum Glück überholt ist) anführen, und braucht dazu eine Sorgeberechtigte, der dieses Recht nach Anführung aller Gründe gegen sie eigentlich entzogen gehörte, weil sei nicht im Sinne des Kindes handelt. Daher muss dann auch noch ein Nebenschauplatz aufgemacht werden und das Thema Vaterschaftstest angesprochen werden - es gibt ja diese Sets, deren Verwendung ohne Zustimmung der Mutter allerdings gesetzlich nicht gestattet ist - ohne es dann wirklich aufzulösen.

Dabei gäbe das Thmea des Vaters, der sein Kind nur an vereinzelten Wochenenden und im Urlaub sehen kann auch ohne diese aufgesetzte Abrechnung genug her für einen Roman. Es ist ein Thema, das in der Literatur noch nicht ausgereizt wurde, und in seinen besseren Passagen gelingt es Hettche auch sehr gut, das langsame Antasten beim Wiedersehen einzufangen Er beschreibt, wie wenig dazugehört, um über wichtige Änderungen im Leben des Kindes nicht mehr auf dem Laufenden zu sein; wie Annika gerade vom Kind zur jungen Frau wird, und es für ihn als Vater nicht vorhersehbar ist, mit welcher von Beiden er es gerade zu tun hat.

Kurz noch zur eigentlichen Handlung: Peter verbringt mit seiner Tochter und einer befreundeten Familie Silvester auf Sylt. Die Insel ist für ihn mit vielen Kindheitserinnerungen verbunden; er hatte mit seiner Mutter viele Sommer hier verbracht. Auch das Verhältnis zu seiner eigenen Mutter ist nicht unproblematisch, aber das bildet nur den Hintergrund für sein eigentliches Thema, das der rechtlosen Väter. Auch ein anderes Paar kommt noch zu Wort, Florian und Kathrin, die sich ebenfalls mit Florians Verflossener herumstreiten müssen, weil diese das Besuchsrecht sehr willkürlich ausliegt.

Dagegen stellen Peters Kindheitsfreundin Susanne, mit deren Mann und Kindern Peter und Annika das Ferienhaus teilen, den Gegenentwurf dar. Eine funktionierende Familie, an sich glücklich - bis auf den Ausbruchsversuch Susannes an Silvester, der für mich etwas deplaziert war, aber ich habe es ja glaube ich schon davor angemerkt: an diesem Buch ist so einiges etwas konstruiert und unstimmig.

Peters Aggressionen gegen die Kindsmutter entladen sich am Silvesterabend bei einer Auseinandersetzung mit Annika in einer Ohrfeige. Dass Annika diese stellvertretend erhält, ist dem Leser rasch klar; den weiteren Protagonisten allerdings ist das egal, Peter wird zur unerwünschten Person. Und wieder hat er eine Möglichkeit, sich als Opfer zu sehen.

Ich bin etwas zwiegespalten, was mein Urteil über diesen Roman betrifft. Die Beschreibungen der Insel Sylt sind sehr stimmungsvoll, sie machen Lust auf die Insel, auch zu dieser Jahreszeit, ohne dabei zu idyllisieren. So manche Beobachtung des Vater-Kind-Verhältnisses ist ausgesprochen gelungen wiedergegeben, der gesamte Roman ist flüssig und gut erzählt, sprachlich ansprechend… aber die Konstruktion des Romans ist für mich nicht überzeugend, und die Figurenzeichnung zu schablonenhaft.

Schade! Ein Thema, aus dem man sehr viel mehr hätte machen können…

Thomas Hettche

Thomas Hettche, geboren 1964 in Treis, lebt mit seiner Familie in Berlin und der Schweiz. Lange Jahre Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, Herausgeber der literarischen Online-Anthologie NULL. Journalistische Veröffentlichungen vor allem in der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung. Thomas Hettches erster Roman "Ludwig muss sterben" erschien 1989. "Der Fall Arbogast" (2001) wurde in 12 Sprachen übersetzt. "Woraus wir gemacht sind" (2006) stand auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Zuletzt veröffentlichte er eine Sammlung von Essays und Reportagen: "Fahrtenbuch 199§ - 2007". Preise u.a.: Rauriser Literaturpreis 1990, Robert-Walser-Preis 1990, Ernst-Robert-Curtino-Förderpreis für Essayistik 1994, Rom-Preis der Villa Massimo 1996, Premio Grinzane Cavour 2006.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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