Amy Tan - Das Tuschezeichen

Originaltitel: The Bonesetters Daughter
Roman. Goldmann Verlag 2001
446 Seiten, ISBN: 3442304555

Als Ruth Young in der Wohnung ihrer Mutter für Ordnung sorgen will, entdeckt sie ein Päckchen eng mit chinesischen Schriftzeichen bedeckter Blätter und erinnert sich daran, von ihr auch schon vorher einmal ein paar Seiten zum Lesen erhalten zu haben. Ruths Mutter leidet, das wird immer klarer, an immer stärkerer Vergesslichkeit, schafft es nicht mehr, ihr Leben alleine zu organisieren.

Und auch wenn Ruth derzeit das Gefühl hat, ihr eigenes Leben schon nicht mehr in den Griff zu bekommen, beschließt sie doch, sich um ihre Mutter zu kümmern. Und die gefundenen Seiten übersetzen zu lassen, denn selber hat sie, was sie nun bedauert, nicht genug chinesisch gelernt, um es selbst lesen zu können.

Ruths Mutter war in den Fünfzigerjahren nach Amerika gekommen, ein Jahr nach ihrer Schwester; die beiden hatten Brüder geheiratet, aber Ruths Vater war schon sehr jung gestorben. Eine schwierige Kindheit; die Mutter alleinerziehend, richtiges Englisch hat sie nie gelernt. Und dann wird sie immer wieder mit Geschichten über den Geist von Liebster Tante gequält, die auf grausige Weise Selbstmord begangen hat, was Ruths Mutter auch heute noch mit massiven Schuldgefühlen quält. Sie würde durch Ruth zu ihr sprechen, davon ist die Mutter überzeugt.

Aber erst die Lektüre der Aufzeichnungen ihrer Mutter offenbaren ihr eine Geschichte, die sie sich nie hätte träumen lassen, von heimlicher Liebe, Verfluchungen, dem Willen, dem Geliebten in den Tod zu folgen, aber weiterleben zu müssen; und davon, dass Ruths Mutter erst erfährt, wer wirklich ihre Eltern sind, als es bereits zu spät ist...

Wer Amy Tan kennt, weiß, dass ihre Romane immer vom Zwiespalt zwischen China und den alten Traditionen und dem Leben in Amerika leben. Die Kinder, schon in Amerika aufgewachsen, verstehen nichts mehr von alten Ängsten, und eines ist der Elterngenerationen auch meist gemein: sie schweigen lange, beinahe zu lange, über die Ereignisse, die ihr Leben geprägt haben.

Es ist packend von Anfang an, wenn man mit Ruth fast an der Frau verzweifelt, die so starrköpfig alles verweigert, was man ihr Gutes tun will, die alles vergisst, aber sich dafür plötzlich wieder beginnt an die Vergangenheit zu erinnern, von der sie der Tochter nie etwas erzählt hatte. Auch die kleinen Tricks, die verwendet werden, um sie in eine Anlage für betreutes Wohnen zu bringen, sind sehr lesenswert.

Aber der Kern der Geschichte sind die Erlebnisse der Mutter in China. Hier steckt der Reiz des exotischen mit drin, aber auch die sehr vielschichtig gezeichneten Figuren der beiden Schwestern, die eigentlich keine sind - kurzum, ein guter Schmöker für ein verregnetes Wochenende!

Amy Tan

Amy Tan wurde 1952 als Tochter chinesischer Auswanderer in Oakland, Kalifornien, geboren. Ihr Vater und ihr Bruder starben, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ihre Mutter, Tochter einer wohlhabenden Familie in Shanghai, musste drei Töchter aus erster Ehe in China zurücklassen. Mittlerweile gehört Amy Tan zu den erfolgreichsten amerikanischen Schriftstellerinnen. Amy Tan lebt heute mit ihrem Mann in San Francisco und New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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