Susanna Tamaro - Geh, wohin dein Herz dich trägt

Originaltitel: Geh, wohin dein Herz dich trägt
Roman. Diogenes 1995
190 Seiten, ISBN: 3257230303

Olgas Enkelin, die von ihr großgezogen wurde, ist nun schon seit 2 Monaten in Amerika, weiß auch nichts davon, daß ihre Großmutter einen Schlaganfall hatte und wohl nicht mehr lange leben wird.

Leicht ist Olga die Entscheidung, die Enkelin nicht heimzurufen, nicht gefallen. Doch um ihr alles zu erklären, um ihr nicht das Gefühl zu geben, sie wäre im Gram gestorben, beginnt sie, ein Brieftagebuch zu führen, um der Abwesenden von der Vergangenheit und ihrer Mutter zu erzählen.

Olgas Tochter Ilaria ist sehr jung bei einem Verkehrsunfall gestorben - gegen einen Baum gerast, nachdem sie erfahren hatte, daß Augusto nicht, wie selbstverständlich angenommen, ihr Vater war.
Als Olga damals Augusto geheiratet hatte, wußte sie zwar, daß es nicht die große Liebe war - doch mit der Einsamkeit, die diese Ehe nach sich ziehen würde, hatte sie nicht gerechnet. Ernesto, den sie bei einem Kuraufenthalt kennenlernt, ist die Liebe ihres Lebens, doch auch er ist verheiratet, und so beugen sich beide den Konventionen.

So sehr Olga sich auch bemüht, bei Ilaria nicht die Erziehungsfehler zu wiederholen, unter denen sie selbst zu leiden hatte - ihre Tochter wird trotzdem zu einem zutiefst unglücklichen Menschen, der sein Heil dann auch in der Psychoanalyse sucht -und einem Schwindler aufsitzt.

Auch das Verhältnis zur Enkelin ist nicht ungetrübt - zu weit klaffen die Ansichten der Jugend und des Alters oft auseinander. Doch sie hat losgelassen -und dieser Brief ist ihr letztes Geschenk an sie. Als ich das Buch vor 2 Jahren zum ersten Mal gelesen hatte, war ich total begeistert. Nun, beim zweitenmal, fand ich es zwar immer noch gut - doch ein paar Aspekte sind mir mittlerweile aufgefallen, die mich etwas gestört haben.

Der Grundgedanke, diese gütige, verzeihende Liebe der Großmutter ist einfach unheimlich schön. Die Behutsamkeit, mit der sie der Enkelin sagt, ich nehme dich so, wie du bist, und ich trage dir nichts nach, hat mich auch diesmal wieder zu Tränen gerührt.

Doch die langen philosopisch-religiösen Ausführungen fand ich einerseits manchmal schlicht und einfach zu lang - und andererseits auch oft sehr belehrend, schulmeisterhaft und manchmal richtiggehend dumm.

Ein schönes Buch!

Susanna Tamaro

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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