Rabindranath Tagore - Das zerstörte Nest

Originaltitel: Nasthanir
Roman. Manesse 1902
92 Seiten, ISBN: 3717581546

Bhupoti und Caru sind ein glückliches Paar. Ein Leben im Wohlstand, kein äußerer Zwang, arbeiten zu müssen, zwei Menschen, die in Achtung und Zuneigung verbunden sind - braucht es mehr, um ein glückliches Leben zu führen?

Beide hätten die Frage wahrscheinlich mit Nein beantwortet - und doch haben sie beide ihre Energien auf etwas gelenkt, das sie nicht miteinander teilen. Bhupoti führt voller Leidenschaft und Engagement eine Zeitung; den Großteil seiner Zeit verbringt er damit. Trotzdem merkt er nicht, dass er von seinem engsten Mitarbeiter um große Summen geprellt wird, dass sein Vertrauen schändlich missbraucht wird.

Am Tiefpunkt seines Kummers angelangt, bräuchte er seine Frau, um ihm zur Seite zu stehen. Doch in der Zwischenzeit haben sie verlernt, die gegenseitigen Stimmungen zu erkennen. Und während Bupoti sich mit dem finanziellen Ärger herumschlägt, bedrückt Caru eine ganz andere Last.

Um sie abzulenken, sie zu beschäftigen, hatte Bhupoti vor längerer Zeit seinen Bruder Omol angehalten, Caru zu unterrichten. Die Zeit, die die beiden miteinander verbrachten, wurde ihr immer wichtiger; vor allem sah sich sich auch als Förderin seiner literarischen Begabung. Es war etwas, was nur sie beide teilten; bis eine seiner Erzählungen veröffentlicht wurde.

Nun war Omols Anhängerschaft auch im Haus gewachsen; Eifersucht und Stolz hindern Caru, wieder auf ihn zuzugehen, treiben den kleinen Bruder schließlich aus dem Haus...

Ich hatte nicht erwartet, dass eine Erzählung aus dem Indien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts für mich noch so viel Aktualität besitzen würde.

Es ist eine leise Geschichte, in der auf den ersten Blick nicht viel passiert; es kommt auf die Zwischentöne an, durch die man das Zerbrechen einer Beziehung erlebt, die zu stark auf Traditionen und Begebenheiten gebaut war, um Belastungen wirklich Stand halten zu können.

Was passiert, wenn man sich des Ehepartners so gewiss ist, dass man vergisst, ihn immer wieder wahrzunehmen und neu zu erkennen, wurde hier wunderbar geschildert; gleichzeitig ist es ein berührend trauriges Bild von Menschen, die der Stolz am Glücklichsein hindert.

Knapp hundert kleine Seiten, die im Gedächtnis bleiben - eine Empfehlung!

Rabindranath Tagore

Rabindranath Tagore wurde am 6. Mai 1861 in Kalkutta geboren. Er stammt aus einer begüterten Großgrundbesitzerfamilie; studierte von 1878 bis 1883 in England Jura und arbeitete von 1891 bis 1897 als Verwalter der Familiengüter. 1901 gründete er in Santiniketan (Bengalen) eine Schule, in der er seine aus europäischen und indischen Erziehungsmethoden entwickelte Pädagogik in die Praxis umsetzte. Er starb am 7. August 1941 in Santiniketan. Den Hauptteil seines Werkes bildet die Lyrik. Sein Gedichtband Gitanjali wurde von Ezra Pound und vor allem von William Butler Yeats in Europa bekannt gemacht. 1913 wurde Tagore für diese Sammlung religiöser Hymnen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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