George Tabori - Das Opfer

Originaltitel: Beneath the Stone of the Scorpion
Roman. Steidl Verlag 1996
320 Seiten, ISBN: 3882436824

"Es ist ein Versehen" ist alles, was Major Borst von seinem Gefangenen hört, als er ihn nach dem Grund seines Absprungs in dieses einsame Tal am Balkan befragt. Ein Versehen - das ist keine Antwort, die den Major zufrieden stellt. Trotzdem lässt er ihn verarzten, lädt ihn zu sich nach Hause zum Essen ein. Hier, in dieser gelösten Umgebung, so ist er sicher, findet er einen Weg, die Wahrheit von Captain Fowler zu erfahren, zu hören, welche Mission er verfolgt, welche Hintermänner er hat. Ansonsten, so versichert er ihm, würde nicht nur er, sondern das ganze Dorf am nächsten Morgen sterben.

Aber Major Borst ist nicht immer bei der Sache. Er erinnert ihn an jemanden, dieser Captain; erinnert ihn an die Jahre, die er selbst in England verbracht hatte, bringt Details aus seiner Ehe, seiner Karriere wieder zu Tage, die er längst vergessen glaubte.

Spät am Abend, als alle anderen schon schlafen, erscheint Hirtenberg. Der Mann, mit dem er schon in Istanbul zusammen traf, der ihn mit der rauen Seiten des Geheimdienstes in Berührung brachte. Auch für Captain Fowler hat er etwas mitgebracht - ein todsicheres Mittel, alles von ihm zu erfahren, was sie wissen wollten. Im Gegensatz zu Borst weiß er aber schon, mit wem er es hier zu tun hat, und erzählt ihm einen Abend lang die Geschichte des Mannes, der friedlich und erschöpft schläft...

Die Art, wie hier erzählt wird, vor allem im ersten Teil des Buches, erinnerte mich sehr stark an "Die Glut", und ist wohl auch zeitlich in etwa zur selben Zeit entstanden. Dieser innere Monolog, immer wieder Rückblenden auf Erinnerungen, die auf den ersten Blick willkürlich und belanglos erscheinen, ihre Bedeutung aber in der Summe erhalten - das hat mich schon sehr angesprochen. Der Zwiespalt des Nazischergen, der sich dagegen wehrt, in der Weltpresse als grausam und barbarisch bezeichnet zu werden, um dann mit der größten Grausamkeit konfrontiert zu werden und endlich über sich selbst hinauszuwachsen ist eindrucksvoll und unbedingt lesenswert.

Ja, man erwartet es schon: jetzt kommt das große "Aber". Aber die Grundkonzeption der Geschichte hat mich nicht zufrieden gestellt. Im ersten Teil, als Borst mit Fowler spricht und dabei immer in die Vergangenheit abdriftet, wird eine fast schon unerträgliche Spannung aufgebaut, was Borst von Fowler denn nun erfahren will.

So grausam und subtil brutal der zweite Teil dann auch ist; die Antwort auf die große Frage bringt er nicht. Auch wenn die Erzählung von Fowlers Vorleben wachsendes Entsetzen hervorruft, irgendwo im Hinterkopf bleibt doch die Frage offen: und wo ist jetzt der große Bogen, der alles zusammenhält?

Das Buch ist noch während des zweiten Weltkriegs erschienen und hat damals für Aufsehen gesorgt, weil die Hauptfigur ein Nazi ist, der nicht dem Bild entspricht, das in den Medien verbreitet wurde; Major Borst ist zwar verblendet, aber nicht unmenschlich, auch zu Mitgefühl fähig. Unter diesem Gesichtspunkt ist es gerade heute wieder von besonderer Aktualität, weil es dazu einlädt, keine absoluten Feindbilder zuzulassen.

George Tabori

George Tabori, geboren 1914 in Budapest, emigrierte 1935 nach London, arbeitet seit 1969 in der Bundesrepublik. Für seine Romane, Dramen und Drehbücher, die er in Englisch schreibt, erhielt George Tabori 1992 den Georg-Büchner-Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©29.10.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing