Graham Swift - Letzte Runde

Originaltitel: Last Orders
Roman. Hanser Literatur Verlag 1997
326 Seiten, ISBN: 3446189599

Der eigentliche Tagesablauf, der in diesem Buch beschrieben wird, ist rasch erzählt: Vier Männer erweisen ihrem Freund bzw. Adoptivvater die letzte Ehre und bringen seine Asche, wie er es gewünscht hatte, an die See, um sie dort zu verstreuen. Auf dem Weg dorthin gibt es mehrere Kneipenstops, den Besuch bei einem Kriegerdenkmal, eine Schlägerei und dann noch einen Abstecher zur Kathedrale von Canterbury, bis sie am Ziel sind und bei strömendem Regen die Asche ins Meer werfen.

Innerhalb dieses Rahmens erfährt der Leser aber die miteinander verwobenen Lebensgeschichten von 4 Familien, ein halbes Jahrhundert Geschichte. Wohnhaft sind sie alle in einem Vorort von London; aber kennen gelernt hatten sich der nun verstorbene Jack und Ray im zweiten Weltkrieg, als sie miteinander gegen Rommel kämpfen mussten. Ray, der so klein war, wäre Jacks Glücksbringer, hatte dieser immer behauptet; Lucky Johnson war sein Spitzname, und er hatte dem Namen später bei vielen Pferdewetten alle Ehre gemacht. Jack war Schlachtermeister, hatte eine eigene Fleischhauerei - Dodds & Söhne, seit 1903 - und hatte früher auch andere Träume gehabt, wollte Arzt werden, und sei es nur, um unter den Krankenschwestern wildern zu können. Vic´s Laden war unmittelbar gegenüber der Fleischhauerei - er war Leichenbestatter.

Lenny und seine Frau waren durch die Kinder zum Kreis dazugestoßen; ihre Tochter Sally hatte sich mit Vince angefreundet, wurde im Sommer mit zum Baden ans Meer genommen, ein Luxus, den die Eltern ihr nicht bieten konnten. Aber als Vince größer wurde, als das Gerede in der Schule lauter wurde und er sich handgreiflich zur Wehr setzte, da machte er in seiner Wut auch vor Sallie nicht Halt.

Da erst hatte Vince nämlich erfahren, dass er nicht wirklich Amys und Jacks Sohn war; seine Eltern waren bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, und Amy hatte ihn zu sich genommen - als Ersatz für das Kind, das sie nicht selber aufziehen konnte, das so behindert war, dass Jack es nur einmal nach der Geburt gesehen hatte, und sich seither weigerte, sie zu besuchen.

Die Freunde, die nun schon seit so vielen Jahren regelmäßig im Coach & Horses ihr Bier gemeinsam trinken, die ihre kleinen Macken kennen, sich durch wechselnde Lebensumstände begleitet hatten, haben auch gewichtige Geheimnisse voreinander, und die Spannungen, die immer unterdrückt wurden, brechen sich an diesem Tag ihren Weg...

Graham Swift erzählt hier die Geschichte von kleinen Leuten, in deren Leben nicht Kunst und Kultur die Hauptrolle gespielt hatten, sondern die einfacheren Fragen wie Lebensunterhalt, ein wenig Liebe und die Kinder, die es einmal besser haben sollten. Aber gerade in diesen Lebensentwürfen zeigt der Autor uns, wie man meistens mit den großen Fragen umgehen wird; wie der Traum, Jockey zu werden durch Pferdewetten kompensiert werden muss, wie es ist, wenn das Familiengeschäft nicht weitergeführt werden wird, wie die Kinder ihr eigenes Leben leben und die Eltern dadurch enttäuschen, dass sie es sich erst recht schwer machen.

Erzählt wird in kurzen Kapiteln aus der wechselnden Sicht eines der Protagonisten; das ist anfangs etwas verwirrend. Auch die Erzählweise ist nicht stringent, die Erinnerungsblöcke, die immer wieder eingeschoben werden, sind wie willkürlich eingestreut, und nur ganz langsam erschließt sich das ganze Bild, werden am Ende Spannungen klar, die beim Lesen ständig ohne Erklärung präsent waren.

Als ich das Bild vor 6 Jahren das erstemal gelesen hatte, war ich zwar auch schon sehr angetan - aber erst jetzt, beim Wiederlesen mit dem Wissen, wie die einzelnen Figuren zueinander stehen, konnte ich den geschickten Aufbau, die subtile Tiefe des Buches erst richtig schätzen.

Wenn ein Buch, dessen eigentliche Thematik (ein Haufen alter Knacker, wie im Buch einmal erwähnt wird) mich nicht besonders interessiert, mit Lebensumständen, die mich gewöhnlich nicht unbedingt fesseln, mich derart in seinen Bann zieht, dann spricht das vor allem für die Kunst des Autors (und des Übersetzers) die Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die in den Bann schlägt. Das ist hier gelungen.

Das Buch wurde mit Michael Caine in der Hauptrolle verfilmt

Graham Swift

Graham Swift wurde 1949 in SüdLondon geboren, wo er auch heute noch lebt, hat in Cambridge und York studiert und seinen Abschluss über den Roman des 19. Jahrhunderts gemacht. Zwei seiner Romane wurden verfilmt; "Waterland" 1992 mit Jeromy Irons und Ethan Hawkes, "Letzte Runde" 2002 mit Michael Caine in der Hauptrolle. Für "Letzte Runde" erhielt er 1996 den Booker Prize

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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