Martin Suter - Lila, lila

Originaltitel: Lila, lila
Roman. Diogenes 2004
356 Seiten, ISBN: 3257063865

Es ist der Traum jedes ambitionierten Jungschriftstellers: dass sein Manuskript, von der begeisterten Freundin an einen Verlag gesandt, sofort veröffentlicht wird, von der Kritik bemerkt und hymnisch gefeiert wird.
Aber David kann sich daran nicht richtig freuen; mit jedem verkauften Buch wird seine Schuld größer. Denn auch wenn "Lila, Lila" unter seinem Namen erscheint, ist er doch nicht der Autor.

Nein, David war keiner dieser ehrgeizigen Menschen, der unbedingt erfolgreicher Schriftsteller sein wollte und daher ein Manuskript gestohlen und unter eigenem Namen veröffentlicht sehen wollte. Es war alles aus Liebe geschehen, aus Liebe zu Marie. Marie, die er eines Abends in dem Lokal, in dem David kellnerte, gesehen hatte, die sich so angeregt mit den Stammgästen, an deren Platz er sie gelotst hatte, über Literatur unterhalten hatte - und die ihn trotzdem nur als den Kellner wahrnahm.

Das Manuskript hatte David in der Schublade eines Nachtkästchens gefunden, das er am Trödel gekauft hatte; es erzählte von Peter, der sich in die erst sechzehnjährige Sophie verliebte. Das war in den fünfziger Jahren, Sophies Eltern waren sehr konservativ, die Liebe zu Peter nicht erwünscht; um die beiden voneinander fern zu halten wurde Sophie in ein Internat geschickt. Aber sie schrieben sich; sie schrieben sich leidenschaftliche Liebesbriefe, zwei Jahre lang. Dann kam Sophie zurück - um festzustellen, dass sie sich verändert hatten, dass der Peter ihrer Vorstellung nicht mit der Realität übereinstimmte. Sie beendete die Beziehung; Peter konnte und wollte sich damit nicht abfinden. Erst als er sie mit einem anderen Mann sah, hatte er begriffen; er setzte sich aufs Motorrad und verfehlte die Einfahrt in einen Tunnel…

David wollte Marie nicht die vergilbten alten Manuskriptseiten zu lesen geben; er wollte es schön machen, hatte den Text daher eingescannt, die handschriftlichen Änderungen übernommen, Fehler ausgebessert - und zum Schluss auch den Namen des Autors durch seinen eigenen ersetzt.

Schon nachdem er Marie das Manuskript gegeben hatte war ihm dieser spontane Einfall schlimm erschienen; er wusste, er sollte es ihr sagen, aber - dann kam sie so freudestrahlend auf ihn zu, war so begeistert von dem, was sie gelesen hatte, fing plötzlich an, sich in ihn zu verlieben! Nein, er konnte jetzt nicht die Wahrheit sagen. Auch nicht, als sie für ihn einen Verlag gefunden hatte. Und alles so wunderbar anlief, und sie sich ohnehin ein wenig über seine mangelnde Begeisterung ärgerte.

Als dann bei einer Lesung ein älterer Mann eine Widmung für Alfred Duster erbat, konnte David erst recht nicht mehr die Wahrheit sagen - denn Alfred Duster war der Name, der ursprünglich unter dem Roman gestanden hatte…

Ein Roman im Roman, zwei Liebesgeschichten, dazu ein paar Hintergründe über den Literaturbetrieb - das sind eigentlich Zutaten, mit denen man begeisterte Leser ziemlich sicher fesselt. Auch ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, hab mich auch gut unterhalten gefühlt, und doch - von Martin Suter habe ich schon Besseres gelesen.

Bisher hatte ich an Suters Büchern auch die überraschenden Wendungen geliebt - Lila, Lila hingegen ist schon von Anfang an ziemlich vorhersehbar, man wartet beim Lesen nur darauf, wie der Autor diese Entwicklung denn nun darstellen würde. Ein Buch kann natürlich auch ohne diese Volten sehr interessant und packend sein; doch dazu ist die Geschichte in diesem Fall zu dünn. David und Marie blieben für mich bis zum Schluss ziemlich blutleer; auch wenn es gerade über die erste Lesereise des jungen Schriftstellers herrliche Szenen zu lesen gibt, die mich mehrmals zum Lachen gebracht haben.

Jacky, der Mann, der für die Dramatisierung des Plots zuständig ist, entspricht so völlig jeglichem Klischee über einen charmanten älteren Alkoholiker, der Reichtum durch Erpressung wittert, dass er als Karikatur seiner selbst schon fast wieder gut ist; allerdings trägt seine Einführung in meinen Augen dazu bei, die an sich recht interessante Entwicklung von Davids Seelenpein durch nur allzu bekannten Druck von außen, durch Erpressung, zu ersetzen. Schade!

Der Gedanke, dass ich eigentlich lieber den Roman im Roman gelesen hätte ist mir hin und wieder gekommen; auch "Lila, Lila" ist zwar ein unterhaltsames Buch, bleibt aber meiner Meinung nach weit hinter den Möglichkeiten des Autors zurück.

2008 wurde Lila, Lila unter der Regie von Alain Gsponer mit den Schauspielern Daniel Brühl, Henry Hübchen, und Hannah Herzsprung verfilmt.

Martin Suter

Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Er lebt mit seiner Frau in Spanien und Guatemala. Er war Werbetexter und erfolgreicher Werber, ein Beruf, den er immer wieder durch andere Schreibtätigkeiten ergänzt oder unterbrochen hat. Unter anderem für GEO-Reportagen, zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen. Seit 1991 lebt er als freier Autor, seit 1992 schreibt er die wöchentliche Kolumne "Business Class" in der Weltwoche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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