Martin Suter - Ein perfekter Freund

Originaltitel: Ein perfekter Freund
Roman. Diogenes 2002
338 Seiten, ISBN: 3257063067

Als Fabio Rossi zu sich kommt, liegt er im Krankenhaus. Die Hälfte seines Gesichts kann er nicht spüren, aber das Schlimmste: er kann sich nicht erinnern, wie er hierher gekommen ist. Auch die Frau, die sich über ihn beugt und ihn küsst, erkennt er nicht, obwohl sie behauptet, seine Freundin zu sein. Und dass er bei ihr wohnen würde.

Aber das kann doch gar nicht sein! Seine Freundin ist Norina, die Frau, die er liebt, mit der er schon seit einigen Jahren zusammen lebt. Aber sein bester Freund Lucas bestätigt ihm dann: ja, es stimmt, er hätte sich von Norina getrennt und würde jetzt bei Marlen leben. Und er bestätigt ihm dann einige Tage später auch, dass er tatsächlich bei der Zeitung gekündigt hätte, bei der er schon seit einigen Jahren arbeitete.

Mühsam versucht Fabio, die letzten 50 Tage zu rekonstruieren; nichts davon ist ihm mehr bekannt. Das Verhalten, das die Menschen ihm gegenüber an den Tag legen, befremdet ihn auch sehr; bis er nach und nach herausfindet, dass er sich in dieser Zeit, die ihm entfallen ist, sehr verändert haben muss. Vor allem hatte er allen groß erzählt, er wäre an einer spektakulären Geschichte dran, für die er da recherchieren würde, wovon er aber noch nicht einmal ein kleines Detail verlauten ließ.

In mühsamer Kleinarbeit rekonstruiert er zumindest einen Teil seiner Vergangenheit - und stößt auch auf die Spur der Story, die er recherchiert hatte: In der Schokolade eines Schweizer Konzerns waren Prione nachgewiesen worden - Eiweißmoleküle von BSE-verseuchten Rindern, die die Kreutzfeld-Jacobsche Krankheit beim Menschen hervorrufen. Und der Konzern setzt alles daran, diese Nachricht nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

Als Rossi dann auch noch feststellt, dass die Daten auf seinem Computer, sein Handheld, dass all das manipuliert worden war, dass sich darauf keine Daten mehr finden ließen, die nach seinem Gedächtnisverlust entstanden sein konnten, wird er misstrauisch. Ist Lucas wirklich der gute Freund, für den er ihn immer gehalten hat? Kann es sein, dass er nicht nur die Gelegenheit genutzt hat, jetzt eine Beziehung zu Norina zu haben, sondern Fabio auch noch seine Story klauen wollte?

Martin Suter hat auch in diesem Roman wieder ein brandaktuelles Thema aufgegriffen: können wir den Versprechungen wirklich glauben, dass alle verseuchten Rinder verbrannt wurden? Reicht es, auf Rindfleisch zu verzichten, um wirklich ganz sicher zu sein, dass man nicht mit BSE in Berührung kommt? Und natürlich ist auch hier wieder eine Menge Geld zu holen, wenn man es mit den Vorschriften nicht ganz so genau nimmt.

Soviel also zur wirklich spannenden Rahmengeschichte. Was mich aber vor allem fasziniert hat, war, wie Fabio Rossi mit seinem Gedächtnisverlust fertig werden muss - und dabei dann auch noch entdecken muss, dass er sich in den letzten Monaten in einen Menschen verwandelt hatte, dem er früher nur Verachtung entgegengebracht hätte. Auch der Verrat Jacobs, das Gefühl, nun wirklich niemandem mehr trauen zu können und auch keine schriftlichen Aufzeichnungen für diese Zeit hinterlassen zu haben, bringt Rossi dazu, sich ein paar unangenehme Fragen zu stellen: was ist das, ein perfekter Freund? Und vor allem: bin das trotzdem noch ich, auch wenn ich entgegen meiner Prinzipien handle?

Ein sehr lesenswertes, flüssig geschriebenes Buch in gewohnt solider, guter Suter-Qualität.

Martin Suter

Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Er lebt mit seiner Frau in Spanien und Guatemala. Er war Werbetexter und erfolgreicher Werber, ein Beruf, den er immer wieder durch andere Schreibtätigkeiten ergänzt oder unterbrochen hat. Unter anderem für GEO-Reportagen, zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen. Seit 1991 lebt er als freier Autor, seit 1992 schreibt er die wöchentliche Kolumne "Business Class" in der Weltwoche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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