Peter Stamm - Ungefähre Landschaft

Originaltitel: Ungefähre Landschaft
Erzählung(en). Arche Literaturverlag 2001
187 Seiten, ISBN: 3716022888

Kathrine ist Zollbeamtin - in ihn ihrem ganzen Leben noch nie über den nördlichen Polarkreis hinausgekommen. Ein halbes Jahr Dunkelheit, Kälte, Schnee, bestimmen ihr Leben; die Schiffe auf der Hurtigroute bringen manchmal etwas Abwechslung. Und manchmal bringen sie auch Gäste, die länger bleiben - wie Christian, der für ein paar Monate hier lebt, ihr die Homepage seiner Firma zeigt und nach seiner Abreise regelmäßig Postkarten oder Mails schickt. Kathrine heiratet, bekommt ein Kind, trennt sich, heiratet wieder. Große Emotionen gibt es in ihrem Leben nicht. Warum sie Thomas geheiratet hätte, fragt ein Freund sie. Weil er sie geliebt habe, antwortet sie darauf nur.

Dann kommt ein Brief von Thomas´ Familie - ein böser Brief, in dem sie als Hure beschimpft wird. Da zieht sie aus. Und kurz darauf macht sie, was sie sich selbst nicht erklären kann - sie bricht auf, nimmt ihr Geld und geht aufs Schiff. Wohin sie will, kann sie nicht so genau bestimmen. Wen, außer Christian, kennt sie denn schon? Und so fährt sie nach Dänemark, weiter nach Paris, in die Bretagne. Sie ist enttäuscht - nicht ist wirklich anders, so wie sie es aus den Reiseberichten kennt. Und auch Christian ist nicht so, wie sie es von ihm erwartet. Da kehrt sie wieder zurück...

Kathrine, die Hauptfigur in diesem Roman, erscheint ein wenig so wie die Landschaft, in der sie beheimatet ist - karg, abweisend und kalt. Und vor allem auch still, fast schon leblos. Wenn man ihre Geschichte liest, wirkt sie wie Packeis, das von der Strömung mal hierhin, mal dahin getragen wird, sich irgendwo verfängt, eine Weile bleibt und dann weitertreibt. Auch ihr Aufbruch zur großen Reise ist kein bewusst gesetzter Schritt, sondern ein aus Langeweile resultierender Entschluss. Trotzdem wird die Reise unverhofft zu einem Weg zu sich selbst: Warum, so beginnt sie sich zu fragen, hat sie bisher nur hingenommen? Warum hatte sie nie selbst irgendwelche Entscheidungen getroffen? Wo war das Feuer hin, von dem sie in ihrer Jugend noch glaubte, es würde in ihr brennen?

Was denn nun aus ihr geworden ist, wie sie die nächsten Jahre nach dieser Reise verbringt, was sich für sie verändert - nun, das alles hätte ich lieber nur in meinem Kopf stattfinden lassen, als es von Peter Stamm hingeschrieben zu lesen. Zu viele Antworten liefert er mir hier, wo mir eine Beschäftigung mit der Frage mehr zugesagt hätte.

Was diesen Roman allerdings vor allem auszeichnet ist die Sprache. Völlig unprätentiös wird in kurzen Sätzen erzählt; ohne dabei Erklärungen oder Empfindungen mitzuliefern.

So sind es auch einzelne Sätze, wenige Szenen, die wirklich im Gedächtnis haften bleiben - während man schon längst wieder vergessen hat, wie diese farblose Zollbeamtin, über die man einmal einen Roman gelesen hat, denn nun eigentlich hieß.


Zu diesem Roman gibt es auch eine ausführliche Diskussion im Forum.

Peter Stamm

Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psyhcholgie, Psychopathologie und Wirtschaftsinformatik. Längere Aufenthalte in Paris, New York und Skandinavien. Seit 1990 freier Autor und Journalist. Verfasste mehrere Hörspiele für Radio DRS, Radio Bremen und den WDR

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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