Peter Stamm - Blitzeis

Originaltitel: Blitzeis
Erzählung(en). btb (Bertelsmann Taschenbuch) 1999
123 Seiten, ISBN: 3442727502

Es sind seltsame Geschichten, die Peter Stamm hier erzählt; Geschichten, die ganz alltäglich erscheinen, die durch keine außergewöhnlichen Begebenheiten ausgezeichnet scheinen - zumindest nicht auf den ersten Blick.

Aber dann liest man von der seltsamen Beziehung, die einen einsamen jungen Mann in New York mit einer Nachbarin verbindet, die er immer nur vom Fenster aus sieht; man liest, in einer anderen Erzählung, von einem gemeinsamen Ausflug von drei Freunden, die ausnahmsweise von einer Frau begleitet werden; liest, wie dünn das Band ist, das diese Freundschaft eigentlich ausmacht, wie rasch Unstimmigkeiten und Aggressionen frei werden.

Es sind geradezu atemberaubend unprätentiöse Geschichten, die man hier liest; es passiert nicht viel in ihnen, es gibt kaum etwas, was man daraus nacherzählen könnte. Aber Peter Stamm beobachtet sehr genau, und er versteht es, die kleinen Dramen, die sich zum Beispiel abends an einer Bar abspielen, wie einen Film im Auge des Lesers ablaufen zu lassen. Die geschilderte Szene dauert vielleicht nur einen Augenblick; es bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, sich die weite Welt des Lebens dahinter vorzustellen, aber durch die Schilderung des Autors ist genug Stoff dafür vorhanden.

Das schönste Mädchen
Nach fünf milden und sonnigen Tagen auf der Insel zogen Wolken auf. In der Nacht regnete es, und am nächsten Morgen war es zehn Grad kälter. Ich ging über den Riff, eine riesige Sandebene im Südwesten, die nicht mehr Land und noch nicht Meer ist. Ich konnte nicht sehen, wo das Wasser begann, aber es war mir, als sähe ich die Krümmung der Erde. Manchmal kreuzte ich die Spur eines anderen Wanderers. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nur hier und da lag ein Haufen Tang oder ragte ein schwarzer, vom Meerwasser zerfressener Holzpfahl aus dem Boden. Irgendwo hatte jemand mit bloßen Füßen ein Wort in den feuchten Sand gestampft. Ich ging um die Schrift herum und las "ALIEN". In der Ferne hörte ich das Fährschiff, das in einer halben Stunde anlegen würde. Es war mir, als hörte ich das monotone Vibrieren mit meinem ganzen Körper. Dann begann es zu regnen, leicht und unsichtbar, ein Sprühregen, der sich wie eine Wolke um mich legte. Ich kehrte um und ging zurück.
Ich war der einzige Gast in der Pension. Wyb Jan saß mit Anneke, seiner Freundin, in der Stube und trank Tee.
Der Raum war voller Schiffsmodelle, Wyb Jans Vater war Kapitän gewesen. Anneke fragte, ob ich eine Tasse Tee mit ihnen trinken wolle. Ich erzählte ihnen von der Schrift im Sand.
"Alien" sagte ich, "genauso habe ich mich gefühlt auf dem Riff. Fremd, als habe die Erde mich abgestoßen."
Wyb Jan lachte, und Anneke sagte: "Alien ist ein holländischer Frauenname. Alien Post ist das schönste Mädchen der Insel."
"Du bist das schönste Mädchen der Insel", sagte Wyb Jan zu Anneke und küsste sie. Dann klopfte er mir auf die Schultern und sagte: "Bei diesem Wetter ist es besser, zu Hause zu bleiben. Draußen verliert man leicht den Verstand."
Er ging in die Küche, um eine Tasse für mich zu holen. Als er zurückkam, machte er Licht und sagte: "Ich werde dir einen Elektroofen ins Zimmer stellen."
"Ich möchte wissen, wer das geschrieben hat", sagte Anneke. "Meinst du, Alien hat endlich einen Freund gefunden?"


Peter Stamm

Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psyhcholgie, Psychopathologie und Wirtschaftsinformatik. Längere Aufenthalte in Paris, New York und Skandinavien. Seit 1990 freier Autor und Journalist. Verfasste mehrere Hörspiele für Radio DRS, Radio Bremen und den WDR

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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