Peter Stamm - Agnes

Originaltitel: Agnes
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 1998
155 Seiten, ISBN: 344272550X

In einer öffentlichen Bibliothek sitzt sie ihm plötzlich gegenüber - nicht besonders hübsch, mit linkischen Bewegungen. Aber dennoch kann er den Blick kaum von ihr wenden. Noch bevor er wirklich mit ihr zu sprechen beginnt, stellt er sich schon vor, wie eine Beziehung aussehen könnte, welche Probleme sich ergeben könnten.

Und dann ist es soweit - sie gehen aus, sie zieht zu ihm. Ein heiteres, einfaches Leben zeichnet sie aus - und Agnes möchte wissen, warum er eigentlich nie einen Roman geschrieben hat. Eine Erzählung über ihrer beider Geschichte, die solle er schreiben, das wünscht sie sich.

Schon beim Aufschreiben der Anfänge fällt ihm auf, dass sie sich an andere Dinge erinnern, andere Wertigkeiten setzen. Dann hat er in seiner Erzählung die Gegenwart erreicht, sie fangen an, die Geschichte vorauszuschreiben und nachzuleben.

Eine Eigendynamik, die sie irgendwann nicht mehr aufhalten können…

Ich hatte, bevor ich "Agnes" von Peter Stamm gelesen hatte, schon viel Lob über seine Erzählungen gelesen - und war, ehrlich gesagt, etwas skeptisch. Absolut zu unrecht! Ich habe mit dem allergrößten Vergnügen diesen schmalen Roman gelesen und darin viele kluge und interessante Bemerkungen gefunden.

Eine ruhige, unspektakuläre Geschichte wird hier erzählt; von einer Liebe, die an den Vorstellungen, die man voreinander verbirgt, im Endeffekt scheitert.

Sehr, sehr lesenswert!


S. 17:
Am nächsten Tag war ich schon früh in der Bibliothek, und obwohl ich Agnes erwartete, hatte ich keine Mühe auf die Arbeit zu konzentrieren. Ich wusste, dass sie kommen würde und dass wir reden würden miteinander, eine Zigarette rauchen, einen Kaffee trinken. In meinem Kopf war unsere Beziehung viel weiter gediehen als in Wirklichkeit. Ich begann schon, mir über sie Gedanken zu machen, hatte schon Zweifel, dabei hatten wir uns noch nicht einmal verabredet.



S. 24:
"Ich glaube nicht, dass die Frau gelitten hat", sagte ich, um sie zu beruhigen.
"Das meine ich nicht, dass sie gelitten hat. Solange man leidet, lebt man doch wenigstens. Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben. Ich habe Angst vor dem Tod - einfach, weil dann alles zu Ende ist."
Agnes schaute quer durch den Raum, als habe sie jemanden entdeckt, den sie kannte, aber als ich mich umdrehte und in dieselbe Richtung schaute, waren da nur leere Tische.
"Du weißt ja nicht, wann es zu Ende ist", sagte ich, und als sie nicht antwortete: "Ich habe mir immer vorgestellt, dass man sich irgendwann müde hinlegt und im Tod zur Ruhe kommt."
"Offenbar hast du nicht sehr lang darüber nachgedacht", sagte Agnes kühl.
"Nein", gab ich zu., "es gibt Themen, die mich mehr interessieren."
"Was ist, wenn man vorher stirbt? Bevor man müde ist", sagte sie, "wenn man nicht zur Ruhe kommt?



S. 68:
"Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen", sagte sie. "Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen wie Seurat. Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen."



S. 110:
Wenn ich jetzt zu Agnes gehe, dachte ich, dann ist es für immer. Es ist schwer zu erklären, obwohl ich sie liebte, mit ihr glücklich gewesen war, hatte ich nur ohne sie das Gefühl, frei zu sein. Und Freiheit war mir immer wichtiger gewesen als Glück. Vielleicht war es das, was meine Freundinnen Egoismus genannt hatten.



S. 120:
"Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe", sagte Agnes, "Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person. Aber manchmal bin ich auch froh. Dann ist das Ende wie die Befreiung aus einem bösen Traum, und ich fühle mich ganz leicht und frei, wie neugeboren. Ich frage mich manchmal, ob die Schriftsteller wissen, was sie tun, was sie mit uns anstellen."
Ich küsste Agnes.
"Da bin ich mit dir zusammen und weiß gar nicht, dass in deinem Kopf das ganze Personal der Weltliteratur steckt."
"Ich lese nicht mehr viel", sagte Agnes, "vielleicht deshalb. Weil ich nicht mehr wollte, dass Bücher Gewalt über mich haben. Es ist wie ein Gift. Ich habe mir eingebildet, ich sei jetzt immun. Aber man wird nicht immun. Im Gegenteil."


Peter Stamm

Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psyhcholgie, Psychopathologie und Wirtschaftsinformatik. Längere Aufenthalte in Paris, New York und Skandinavien. Seit 1990 freier Autor und Journalist. Verfasste mehrere Hörspiele für Radio DRS, Radio Bremen und den WDR

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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