Anja Snellman - Zeit der Haut

Originaltitel: Ihon Aika
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2001
222 Seiten, ISBN: 3442750474

S. 17:
Genieß deine kleinen Töchter in vollen Zügen, wo doch die frühen Kindertage so rasch vorübergehen. So pflegt man jungen Müttern zu sagen, und darauf pflegen sie, schwer seufzend und müde, aber heldenhaft lächelnd zu antworten: Jaa!
Jetzt weiß ich mehr: Ich weiß, wie schnell das späte Greisenalter, die letzten Lebensjahre, Monate, Wochen eines Menschen vergehen. Sie fliegen ebenso rasch vorüber wie jene vergötterte Zeit der frühen Kindheit. Auch die letzte Zeit des Alters ist von unersetzlichem Wert, sie ist es ebenso wert, beachtet und verstanden zu werden wie die ersten Schritte, die ersten Worte, die früheste Entwicklungsphase unserer Kinder.


Erst nach dem Tod der Mutter findet die Ich-Erzählerin Dokumente, die ihr das zum Teil seltsame Verhalten der Verstorbenen erst verständlich machen.

Drei Jahre lang hatten sie und ihre Schwester die Mutter gepflegt, täglich zu ihr ins Krankenhaus gekommen, hatten sich mit ihr gezankt, sie gewaschen, gefüttert, getröstet - und in der Zwischenzeit zwei Töchtern das Leben geschenkt. Diese erste Zeit mit den kleinen Töchtern, so hört die Erzählerin von allen Seiten, würde viel zu schnell vergehen. Aber auch die letzten Monate im Leben eines Menschen verfliegen im Eilzugstempo, so sehr man sich auch wünschen mag, den Moment festzuhalten.

"Mein Liebhaber hatte sehr zärtliche Hände" erzählt die Mutter einmal im Fiebertraum. Die Tochter fragt nie nach, spürt aber, dass es sich dabei nicht um ihren Vater handeln kann. Zu oft hatte sie es selbst erlebt, dass der Vater betrunken nach Hause gekommen war und sie alle geschlagen hatte. Und nun, nachdem die Mutter tot ist, kommt ihr so lange gehütetes Geheimnis ans Licht - dass sie vor der Ehe schon einmal eine Tochter geboren hatte, die sie zu Pflegeeltern gegeben hatte.

Ein Skandal muss das gewesen sein in der kleinen Stadt; da hilft auch der Status als Schönste des Städtchens nichts mehr. Sechs Monate behält sie die Kleine bei sich, bevor sie sie weggeben muss. Wer der Vater ist, verrät sie nicht - und wozu auch; es ist Krieg. Und auch sie geht weg, geht in eine andere Stadt, fängt von vorne an. Die schönste Zeit ihres Lebens, so viel hatte sie auch ihren Töchtern immer erzählt, wäre das gewesen, bevor sie flüchten mussten.

"Zeit der Haut" ist eine Versuch, Abschied zu nehmen von einem Menschen, der einem so nahe stand, wie nur eine Mutter es kann. Es ist vor allem auch das Bemühen, die Mutter nicht nur in ihrer traditionellen Rolle wahrzunehmen, sondern zu verstehen versuchen, wie sie außerhalb dieser kleinen Welt war, was sie eigentlich ausgemacht hatte, und was sie geprägt hat. Gleichzeitig werden die eigenen Erinnerungen und auch Versäumnisse noch einmal ins Gedächtnis gerufen.

Die Art und Weise, wie Anja Snellman hier alte, kranke Frauen schildert, ihr Verhalten in der Klinik mit dem Wissen um den nicht mehr lange ausbleibenden Tod, die kleinen Rituale, die sie mit der Sterbebegleiterin, ihrer Tochter, teilt; das ist der Teil des Buches, der so intensiv und berührend geschildert wird, ohne Pathos oder Melodramatik. Anja Snellman bringt hier etwas zur Sprache, was sonst oft tabuisiert wird, für das kaum jemand die richtigen Worte findet. Darin liegt die ganz große Stärke dieses Romans; denn in den anderen Passagen, wenn die Tochter die Spuren der Mutter nachzugehen versucht, waren mir persönlich zu wirr und manchmal auch einfach unverständlich.

Anja Snellman

Anja Snellman, 1954 geboren, ist eine der sprachgewaltigsten und auflagenstärksten Autorinnen Finnlands. Ihre unerschrockene art, immer wieder Tabuthemen aufzugreifen und umzusetzen, hat ihr zu großem Ruhm verholfen und sorgt immer wieder für heiße Debatten in ihrer Heimat. "Zeit der Haut" war ein riesiger Publikumserfolg in Finnland, erschien in sieben Auflagen und erhielt zahlreiche bedeutende Auszeichnungen, ua den Preis des Finnischen Buchhändlerverbandes und den Preis der Finnischen Bibliotheksgesellschaft.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.01.1999 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing