Zadie Smith - Zähne zeigen

Originaltitel: White Teeth
Roman. Droemer 2001
643 Seiten, ISBN: 3426195461

Am Neujahrsmorgen 1975 beschließt Archie, sich das Leben zu nehmen. Von seiner Frau verlassen, die er zwar schon lange nicht mehr geliebt hatte, war ihm klargeworden, dass er im Leben nichts von dem erreicht hatte, was er als junger Mann erträumt hatte.

Diesen Entschluss jedoch ausgerechnet in der Liefereinfahrt eines Metzgers in die Tat umsetzen zu wollen rettet ihm das Leben. Voller Überschwang und Euphorie über dieses geschenkte neue Leben fährt er mit dem Auto durch die Stadt - und landet vor einem Haus, dessen Bewohner mit Spruchband auf das Ende der Welt aufmerksam gemacht hatten. Als ihm dann auch noch eine langbeinige jamaikanische junge Frau von der Treppe entgegenschwebt, ist Archie sich ganz sicher: ihm wurde eine zweite Chance gegeben, und diesmal wird er sie nutzen! Clara und er heiraten wenige Wochen später.

Wie Archie hat auch sein bester Freund Samad Iqbal eine wesentlich jüngere Frau geheiratet. Archie und Samad hatten sich im 2. Weltkrieg kennen gelernt - gemeinsam hatten sie im Panzer gesessen, gemeinsam hatten sie nur durch Zufall überlebt, und gemeinsam hatten sie das Kriegsende in diesem jugoslawischen Dorf verschlafen.

30 Jahre später ist Samad Kellner in einem Restaurant und ständig in Versuchung, seine Kunden darauf hinzuweisen, dass er studiert hat! Dass er klug war! Und belesen! Auch Samad hatte seine Träume nicht umsetzen können. Aber eines ist ihm geblieben: die Frauen drehen sich immer noch nach ihm um. Zumindest manche.

Und ganz sicher die Musikschullehrerin seiner Söhne - einige Jahre später. Zwillinge hat das Schicksal ihm beschert, die äußerlich kaum zu unterscheiden sind, und doch von der Wesensart her grundverschieden. Archie und Clara haben eine Tochter im gleichen Alter. Und bei einem Elternabend passiert es - der Funke zwischen Samad und der besagten Musikschullehrerin springt über. Welche Höllenqualen Samad jetzt zu erdulden hat, ist kaum vorstellbar. Der Kampf seiner Begierden gegen seinen strengen Glauben zu setzen raubt ihm beinahe den Verstand. Und als ihm dann, als er schwach geworden war, ausgerechnet seine Kinder beim ersten Rendezvous begegnet, hat er keine ruhige Minute mehr: Wie kann er in dieser Umgebung nur seine Kinder groß werden lassen?

Für 2 Kinder reichen die finanziellen Mittel nicht - aber einer der beiden muss gehen. Wenigstens einer seiner Söhne soll im rechten Glauben aufwachsen. Und so wird der ältere der beiden auf die lange Reise geschickt - ohne dass die Mutter vorher auch nur informiert worden wäre...

Wie kann man nur mit 24 Jahren bereits einen so dicken - und dann auch noch guten Roman geschrieben haben?

Zadie Smith ist das mit ihrem Erstling jedenfalls gelungen. Ihr Roman sprüht geradezu vor lauter lebendigen Gestalten, aberwitzigen Geschichten und unsinnig-logischen Verstrickungen.

Gerade den Teil, den die Autorin aus ihrem eigenen Leben sehr gut kennen dürfte, die Kindheit und Jugend in Willesden, London, wird so plastisch geschildert, dass man das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein.

Es gibt so viele Geschichten, so viele Details, die zum Schmunzeln verleiten - wie etwa Claras Mutter, ein überzeugtes Mitglied der Zeugen Jehovas, mit all ihrem Glauben an den Untergang der Welt, oder auch die Tatsache, dass Samals Frau nachdem ihr einer ihrer Söhne entrissen wurde, zwar weiterhin mit ihrem Mann spricht, sich aber weigert, ihm konkrete Antworten zu geben. Oder auch die Kommentare, die Samads Frau zu ihrer arrangierten Heirat abgibt: sie fände es gut, wenn ein Ehepaar sich nicht besonders gut kennen würde. Je länger und besser sie ihn jetzt kennt, umso weniger kann sie ihn eigentlich leiden. Also sagt selbst: War sie nicht vorher besser dran?

Bei all den Lobeshymnen sollte doch noch Platz für eine kleine, bescheidene Kritik bleiben: Manchmal will die Autorin zu viel erreichen. Will auch noch eine Botschaft transportieren, zu viel auf einmal erreichen. Und so mancher Handlungsstrang versickert in unbekannte Kanäle.

Aber alles in allem: sehr sehr gute Unterhaltung, viel Stoff, viel Lokalkolorit von London - und davon, wie eine Kindheit vor 20 Jahren aussehen konnte. Ein Buch, dem ich noch viele Leser wünsche - und bei dem ich der festen Überzeugung bin, dass es auch in 20, 30 Jahren noch genauso gerne gelesen wird wie heute!

Zadie Smith

Zadie Smith wurde 1975 in London geboren. Während der Vorbereitung für ihre College- Abschlussprüfungen begann sie, ihren ersten Roman "Zähen zeigen" zu schreiben. Zadie Smith lebt in Willesden, London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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