Ake Smedberg - Verschollen

Originaltitel: Försvinnanden
Roman. Goldmann Verlag 2003
282 Seiten, ISBN: 3442310113

Sie reißt nicht ab, die Serie an Krimis aus Skandinavien; häufig werden die Autoren in einem Atemzug mit Henning Mankell, Hakan Nesser oder Ake Edwardson genannt, um Kunden zum Kauf zu verlocken. Auch dieses Buch wirbt mit Ähnlichkeiten zu Helen Tursten oder Hakan Nesser - wobei ich persönlich nur bei Helen Tursten Vergleichsmöglichkeiten habe und sofort sagen würde: Smedberg gefällt mir besser.

Vor dreißig Jahren war hoch im Norden ein Mädchen eines Abends spurlos verschwunden. Sie war von Freunden noch bis nach Hause gebracht worden, hatte den Wegfahrenden noch zugewinkt - und danach nichts mehr. Kein Lebenszeichen, aber auch keine Leiche - trotzdem nahm man an, dass sie wohl Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war.

Der Fall hatte damals viel Staub aufgewirbelt in der kleinen Gemeinschaft; und nun, nach so vielen Jahren, kam ein Journalist und berichtete erneut darüber.

Dass nach dieser langen Zeit aber tatsächlich noch Bewegung in den Fall kommen würde hätte niemand erwartet; und doch überrumpelt die Bürgermiliz, die eigentlich auf Einbrecher gefasst war, einen Mann mit einem Plastiksack. Es war kein Zweifel möglich: es handelte sich um die so lang verschollene Tote.

Dass man in unmittelbarer Nähe aber noch zwei weitere Leichen finden würde wirbelt tatsächlich Staub auf; John Nielson, der Journalist, macht sich erneut auf nach Norden, um etwas mehr Hintergrundinformationen zu erhalten. Zu Anna-Greta erfährt er nicht viel Neues; doch dass wenige Monate davor ganz in der Nähe ein Haus explodiert war, eine ganze Familie darin umgekommen war - und zwei davon zu Anna-Gretas engsten Freunden gehört hatten, davon erzählt man ihm erst jetzt.

Aber je mehr Nielson erfährt, umso stärker wird auch sein Eindruck, dass er selbst beobachtet wird ...

Gut erzählt, solide strukturiert, mit immer wieder überraschenden Kehrtwendungen, psychologisch nachvollziehbar - kann man besseres über einen Krimi sagen? Als Leser erhält man die Informationen parallel aus der Warte Nielsons und des Mörders, glaubt ihm also auch immer einen Schritt voraus zu sein.

"Verschollen" ist keiner dieser Krimis, die viel Lokalkolorit vermitteln, oder auf soziale Strömungen hinweisen. Es ist ein handwerklich ausgesprochen gut gemachter Whodunit; man tastet wie Nielson nach den Zusammenhängen, ahnt und verwirft, und klappt schlussendlich das Buch zufrieden zu.

Ake Smedberg

Ake Smedberg, geboren 1948, zählt in Schweden zu den renommiertesten Autoren. Er hat bislang Kurzgeschichten, GEdichte sowie drei Romane veröffentlicht und wurde 2000 mit dem Augustpreis, dem wichtigsten schwedischen Literaturpreis, ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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