Gillian Slovo - Roter Staub

Originaltitel: Red Dust
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2001
333 Seiten, ISBN: 3888972752

Sarah ist heute eine erfolgreiche Anwältin in New York. Was verbindet sie noch mit Südafrika, dem Land, in dem sie aufgewachsen ist? Auch ihre Eltern leben nicht mehr dort, sie selbst hat seit vielen Jahren keinen Fuß mehr in das Land gesetzt.

Und doch: als ihr alter Mentor Ben sie ruft, kehrt sie zurück. Zurück in ein Land, das immer noch von der Apartheid gezeichnet ist, das gerade darum kämpft, seine Identität zu finden. Und das versucht, einen Weg zu finden, wie Täter und Opfer zukünftig in einem Land zusammen leben können.

Dazu wurde die Wahrheitskommission ins Leben gerufen; Straffreiheit für diejenigen sagt es aus, die vor der Wahrheitskommission wirklich alle ihre Verbrechen eingestehen, die dadurch dazu beitragen, dass die Opfer, die Verschleppten, Ermordeten, zumindest als Knochenreste wieder auftauchen. Damit die Familien Gewissheit erhalten, trauern können, und vielleicht auch irgendwann vergeben und vergessen können. Denn Gewalt gab es nicht nur auf einer Seite; Gewalt übten sie alle aus.

Und nun soll Sarah zurückkommen, um die Verteidigung von Axel Mpondo zu übernehmen, der seinem Peiniger Dirk Hendricks gegenüber gestellt werden soll.

Das eigenartige, fast intime Verhältnis zwischen Folterer und Gefoltertem, zwischen Jäger und Gejagtem hat die Autorin hier fühlbar werden lassen. Sie lässt Erinnerungen wach werden an ein Gefühl von freudiger Dankbarkeit für ein paar Minuten, die man im Gras herumlaufen konnte; sie lässt aber auch die Ohnmacht fühlen, die Axel jetzt, nach so langer Zeit, wieder befällt.

Wenn man versuchen will zu begreifen, was in Südafrika heute vor sich geht, wie die Wunden der jüngsten Vergangenheit heilen sollen und wie aus all dem Hass und Schmerz dennoch ein Miteinander werden soll - der wird wahrscheinlich um dieses Buch nicht herum kommen.

Aber es ist nicht nur die zeitpolitische Komponente, die diesen Roman so außerordentlich interessant macht. Der Autorin ist es gelungen, einen sehr komplexen Sachverhalt mit all den widerstreitenden Gefühlen, die er hervorruft, fühlbar zu machen. Das hat wenig mit der Schilderung der nackten Fakten zu tun als vielmehr damit, den gemeinsamen und doch so divergenten Hintergrund der Protagonisten ganz nebenbei zu vermitteln.

Eine Lösung bietet sie am Ende nicht an. Und dennoch: es bleibt Hoffnung. Ein Buch, das mich beeindruckt hat, wie es selten ein Roman vermag. Ein besonderes Buch!

Gillian Slovo

Gillian Slovo wurde 1952 in Südafrika geboren und lebt seit ihrem 12. Lebensjahr in London. Sie hat mehrere Krimis und Romane geschrieben. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, "Every Secret Thing", waren in England ein Bestseller. Sie lebt mit ihrer Familie in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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