Antonio Skarmeta - Mit brennender Geduld

Originaltitel: Ardiente Paciencia
Roman. Piper Verlag 2000
150 Seiten, ISBN: 3492226787

Fischer, so wie sein Vater, wie alle im Dorf, wollte Mario Jiménez nicht werden. Das war nicht seine Berufung; nein, irgend etwas, das mehr Glamour hatte, mehr Ähnlichkeit mit den bunten Kinoplakaten hatte, die Marios Gedanken bevölkerten. Briefträger für Pablo Neruda zu werden hatte zumindest den Vorteil, mit einem berühmten Dichter in Kontakt zu treten. Also nahm er diese Stelle an, fuhr frohgemut mit dickem Postsack die lange Strecke zu dem entlegenen Haus - immer in der Hoffnung, der Ruhm Nerudas möge auf ihn abfärben.

Zu diesem Zweck hatte er sich sogar eine Ausgabe seiner Gedichte besorgt, die er dem Autor bei Gelegenheit zum Signieren vorlegen wollte. "Für meinen Freund Mario" - so stellte er sich die Inschrift vor, und überlegte schon, welche Wirkung das auf die Mädchen haben würde.

Doch der Dichter hatte andere Ambitionen; zwar setzte er seine Unterschrift in das Buch, doch ohne die von Mario so sehr gewünschte Anrede. Aber seltsamerweise beginnt dann doch etwas wie Freundschaft zwischen dem ungleichen Paar zu wachsen; der Postbote, der hartnäckig die Aufmerksamkeit des Älteren begehrt, sich von ihm darüber aufklären lässt, warum Post aus Schweden für ihn so besonders interessant sei; und eines Tages platzt er mit einem ganz speziellen Ansinnen heraus. Er braucht ein Gedicht - ein Gedicht für das Mädchen, das er gesehen hat, für die es keine Worte gibt.

Er müsse schon seine eigenen Worte finden, meint Neruda - und geht dann doch mit ihm, dieses Wunderwesen zu begutachten. Mit Gedichten wirbt Mario dann wirklich um sie; mit Gedichten, mit Worten. Und was hat er sonst aufzuweisen? Fragt die Mutter. Was kann er, außer Gedichte rezitieren? Ihre Beschwerde richtet sie an Neruda, und eine absurd-witzige Liebesbeziehung beginnt...

Ich habe schon Bücher gelesen, die sprachlich sicherlich mehr zu bieten hatten, die vielleicht einen interessanteren, raffinierteren Plot hatten - aber was der chilenische Botschafter hier mit diesem kleinen Buch geschafft hat, ist etwas ganz besonderes. Es ist einfach herzerwärmend, diese so ungleiche Freundschaft entstehen und wachsen zu sehen, die Werbung Marios mit Gedichten mitzuverfolgen.

Dazu der durchaus nicht so heitere Hintergrund; Nerudas Präsidentschaftskandidatur, seine Unterstützung Allendes, der Putsch, die Nahrungsmittelknappheit, und zum Schluss das Verschwinden Marios; neben all der Heiterkeit und dem Augenzwinkern bleibt die Realität nicht ausgesperrt.

Eines dieser kleinen, feinen Bücher, bei denen es leicht fällt, sie weiter zu empfehlen!

Antonio Skarmeta

Antonio Skármeta, geboren 1940 in Antofagasta, Chile, war bis zu seiner Emigration nach Deutschland Dozent für lateinamerikanische Literatur an der Universidad Santiago de Chile. Er schrieb Romane, Erzählungen, Hörspiele und Drehbücher. Skármeta verbrachte seine Exiljahre in Berlin, lebte von 1989 bis 2000 wieder in Santiago de Chile und ist inzwischen chilenischer Botschafter in Deutschland.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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