Fredrik Skagen - Schwarz vor Augen

Originaltitel: Blackout
Krimi. Diana Verlag 2001
319 Seiten, ISBN: 3828400582

Verwirrt steht der Mann auf der Straße. Wie kam er hierher? Was wollte er eigentlich hier? Gerade eben saß er doch noch in einem Pub, oder? Er muss nur zurückgehen, sich nochmals hinsetzen, dann würde seine kurze Verwirrung gewiss verschwinden. Aber auch das hilft nicht. Keine Chance, herauszufinden, was er eigentlich in diesem Pub gemacht hatte. Gewartet? Wenn ja, auf wen? Eine Frau, ein Mann?

Jeder Versuch, sich zu erinnern, führt nur zu unerträglichen Kopfschmerzen. Wer er ist, daran kann er sich nicht erinnern. Aber er spricht die Sprache, die er um sich herum hört. Wortspiele kommen ihm immer wieder in den Sinn. er hat etwas mit Sprache zu tun gehabt, dessen ist er sicher. Aber weiter gelangt er nicht.

Und nachdem er in einem Lokal gegessen hatte, musste er auch zu seinem Erschrecken feststellen, dass er noch nicht einmal eine Brieftasche bei sich trug; nur ein paar Pfund Bargeld, eine Tageskarte für die U-Bahn, einen Kamm. Zum ersten Mal in seinem Leben, das hofft er zumindest, prellt er die Zeche. Und übernachtet im Freien, wie ein Obdachloser, der er jetzt ja auch ist.

Genauso orientierungslos spaziert er am nächsten Morgen auf einen Friedhof. Und gerät zufällig zu einer Beerdigungszeremonie - eine handvoll Männer, die sich auch untereinander nicht zu kennen scheinen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass er zu ihnen gehört. Die Aussicht auf eine kostenlose Mahlzeit verlockt ihn, dieses Spiel mitzuspielen - auch, als er merkt, welchem Verein diese Männer angehören. Mühelos spinnt er eine eigene Geschichte zusammen, von einem Leben als Spion in Westberlin, der nun wieder in London Fuß fassen wolle. Und dem hier nun auch als allererstes das gesamte Geld gestohlen wurde.

Er hat Glück. Einer der Männer nimmt sich seiner an, aus dem Gefühl heraus, er hätte früher jederzeit in der selben Lage enden können; er bietet ihm ein Nachtquartier, stellt für ihn die Verbindungen her, die er braucht, um eine Wohnung, einen Job als Barpianist zu finden. Gordon Bell, so nennt er sich, fühlt sich wie befreit, genießt dieses seltsame Leben. Wenn nur diese vielen Momente nicht wären, die ihm in Erinnerung rufen, dass da etwas ist, was er ganz weit von sich fernhalten will. Als hätte er eine große Schuld auf sich geladen, die unverzeihlich ist.

Und in der Zwischenzeit sucht seine Frau nach ihm - dem Mann, den sie für wenige Minuten in einem Pub in London alleine gelassen hatte, um rasch etwas einzukaufen. Dem Mann, der gerade erst so viel Schlimmes durchmachen musste - als Angeklagter in einem Mordprozess, in dem er zwar freigesprochen wurde, aber niemanden von seiner Unschuld überzeugen konnte...

Während der ersten 30 Seiten holperte die Handlung dieses Romans ziemlich ungeschickt vor sich hin; um den Gedächtnisverlust des Protagonisten zu schildern, unternimmt der Autor einige Anstrengungen, bis er den richtigen Ton trifft. Dann allerdings entwickelt sich die Geschichte sehr schnell zu einem echten Pageturner. Dass Steinar Blix gerade erst einen Mordprozess hinter sich hat, erfährt der Leser schnell. Dass zwar ein Freispruch erfolgte, aber vor allem die Polizei trotzdem nicht an seine Unschuld glaubt, erfährt man ebenfalls. Aber ob Steinar nun schuldig ist oder nicht, ob sein plötzliches Verschwinden tatsächlich damit zu tun hat, dass er nach der ganzen Belastung mit dem Druck nicht mehr fertig wird, dass er seine Schuld damit eingesteht, das will man als Leser dann auch wissen. Und auch, wie es ihm gelingt, so rasch in diesem fremden Leben einen Platz zu erobern, lockt ständig zu weiterlesen.

Ganz ungetrübt bleibt dieser positive Eindruck aber nicht. Denn ohne es an einem Detail tatsächlich festmachen zu können, bleibt doch die Vermutung bestehen, dass es nicht wirklich gut recherchiert wurde. Das Verhalten der Polizeibeamten, als Steinars Frau die Vermisstenmeldung aufgibt, erschien mir stark als Wunschdenken. Leider ging auch die Auflösung dann sehr rasch und nicht ganz glaubwürdig vonstatten.

Ein nettes Detail ist allerdings, dass Steinar, der vor seinem Gedächtnisverlust Übersetzer war, dank seiner genauen Kenntnisse der Spionageromane des John le Carre den Männern, die er bei diesem Begräbnis kennenlernt, vorspielen kann, er sei einer von ihnen.

Ein über weite Strecken ausgezeichnet geschriebenes, im Plot aber leider manchmal zu wünschen lassendes Buch - trotzdem gute Unterhaltung..

Fredrik Skagen

Fredrik Skagen ist einer der erfolgreichsten skandinavischen Autoren überhaupt. Seine zahlreichen Romane und Kinderbücher wurden vielfach preisgekrönt, bislang aber nicht ins Deutsche übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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