Georges Simenon - Sonntag

Originaltitel: Dimanche
Roman. Diogenes 2001
176 Seiten, ISBN: 3257203756

Diesen Sonntag ist es soweit. Heute. Endlich; ein Jahr lang feilt Emile schon an seinem Plan, wie er seinen verhasste Frau aus dem Weg räumen kann. Ja, er hat ein Verhältnis mit einer anderen Frau, mit Ada, und Berthe weiß auch davon. Aber das ist nicht der Grund für seinen Entschluss; die Wurzeln dafür liegen viel weiter zurück.

Man könnte sagen, dass sie so weit zurück liegen, wie er überhaupt denken kann. Damals, noch als Kind, kannte er die zwei Jahre ältere Berthe auch schon. Ihre Eltern hatten sich dann entschlossen, dem trüben Klima im Norden Frankreichs endlich auszuweichen und einen Gasthof an der Cote gekauft. Jahre später, als Emile schon ein erfolgreicher Koch ist, bittet ihn Berthes Vater, doch für einen Sommer bei ihm zu arbeiten.

Der Gasthof hatte nicht den Erwartungen entsprochen, die man ursprünglich in ihn gesetzt hatte; die Gäste blieben aus, die Winter waren trotzdem kalt, und für die Dorfgemeinschaft blieben sie die Fremden. Emile mit seinen Kochkünsten brachte dann die Wende; plötzlich fingen die Leute an, die Bastide zu besuchen, das hervorragende Essen zu genießen, und als Berthes Vater starb, hinterließ er einen gutgehenden Gasthof.

Berthes Mutter wollte nur eines: zurück in den Norden, zu ihrer Familie. Aber den Gasthof zu verkaufen, hieße, eine Menge Geld zu verlieren. Es dauerte lange, ehe Emile begriff, was von ihm erwartet wurde. Was von ihm aus Vernunftgründen entschieden wurde, wurde von Berthe allerdings leidenschaftlich erwidert; erschreckt stellte er fest, dass sie ihn wohl schon seit langem liebte.

Was sie nicht daran hinderte, ihn zu kaufen. Denn so kam es ihm immer mehr vor; sie war die Herrin, das wurde auch im Dorf rasch so erkannt. Mit einer Frau zusammen zu leben, die man nicht liebt, stellte er sich anfangs zwar nicht aufregend vor; dass es ihm jedoch so sehr zu Qual werden würde, konnte Emile nicht ahnen...

Szenen einer Ehe also, die man sich wunderbar vorstellen kann: eine Verbindung, die einseitig aus Vernunftgründen, auf der anderen Seite aber aus Liebe geschlossen wird. Ein Katz und Maus-Spiel: Berthe belauert Emile rund um die Uhr, während er versucht, auszubrechen.

Simenon ist ein Meister darin, diese Emotionen plastisch zu schildern, diesen Menschenschlag, dessen Erwartungen ans Leben gewiss nicht übertrieben sind, die dann aber, weil auch dieses wenige nicht passiert, zu hassen beginnen. Nicht leidenschaftlich, sondern kalt und berechnend.

Georges Simenon

Georges Simenon, geboren am 13. 2.1903 in Lüttich, hat im Laufe seines Lebens mehr als 300 Romane geschrieben. Am bekanntesten wurde sein Ermittler Maigret. Ständige Ortswechsel und manisches Schreiben bestimmen 30 Jahre sein Leben, bevor er sich in der Schweiz niederlässt. Er starb am 4.9.1989 in Lausanne.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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