Georges Simenon - Maigret und das Dienstmädchen

Originaltitel: Félicie est là
Krimi. Diogenes 2003
166 Seiten, ISBN: 3257212208

Der Besuch im kleinen Laden, in der Dorfschenke und dann zurück durch die wie Spielzeughäuser wirkenden Behausungen zum Kap Hoorn ließen Maigret fast vergessen, dass er sich wegen einer Morduntersuchung in Jeanneville aufhielt.

Schuld daran war vor allem Félicie. Sie war Dienstmädchen bei dem Ermordeten, Holzbein genannt, gewesen, sie hatte ihn gefunden, erschossen in seinem Schlafzimmer - und auf sie richtet sich auch der erste Verdacht.

Aus Félicie wird auch Maigret nicht so rasch schlau. Nicht einmal, dass sie Holzbeins Dienstmädchen gewesen war will sie gelten lassen - eine Beziehung mit dem so viel Älteren hatte sie allerdings auch nicht. Zumindest keine, die über permanentes Gekeife und Herumstreiterei hinaus gegangen wäre; denn friedlich konnte man das Zusammenleben der Beiden nicht bezeichnet.

Dabei hätte Holzbein wirklich ein friedliches, ruhiges Leben führen können - sein Leben als Buchhalter hatte ein seltsames Ende gefunden, als er bei einem Arbeitsaufenthalt auf einem Schiff so betrunken gemacht worden war, dass er mit der Besatzung ausgelaufen und bis zum Kap Hoorn gesegelt war, dabei ein Bein verloren hatte und seither von der Reederei eine großzügige Pension bezog.

Aber immerhin hatte er Félicie das Haus hinterlassen - ihr, und nicht seinem Bruder oder seinem Neffen, den er einmal kurzzeitig bei sich aufgenommen hatte.

Der Neffe war damals im Streit gegangen und nicht wiedergekommen - und sollte nun auch verhört werden. Den ganzen Tag schon war er von einem Polizisten beobachtet worden, wie er sich immer verzweifelter von Bar zu Bar bewegte, ja sogar ein Bordell in Rouen aufsuchte - um, als Maigret ihn an seinem Arbeitsplatz aufsuchte, nur noch reden zu wollen. Aber vorher fällt noch ein Schuss...

Maigret - in so vielen Kriminalromanen von Simenon beschrieben, ist er beinahe zu einer realen Person geworden, zu einem Mythos, dem Inbegriff des Polizeiermittlers schlechthin. In akribischer Mühe wurden die Romane nach Details aus dem Privatleben des Ermittlers durchleuchtet, seine Wege in Paris erforscht, es gibt Kochbücher mit seinen favorisierten Gerichten, Bücher, Websites, Forschungen sind ihm gewidmet - was bleibt da mir noch zu sagen übrig, die ich mich nicht mit dem Gesamtwerk Simenons beschäftigt habe, sondern nur ein oder zwei Bücher des Autors gelesen habe?

Natürlich hatte ich schon von Maigret gehört. Wer hat das nicht? Das literarische Paris ist undenkbar ohne den pfeiferauchenden Polizisten. Besonders in diesem Jahr 2003 kommt man nicht umhin, Simenon zur Kenntnis zu nehmen, der jetzt 100 Jahre alt geworden wäre. Ein oder zwei Bücher hatte ich auch schon von ihm gelesen - aber noch keinen Maigret.

Die Faszination, die er auf so viele Leser ausübt, hat sich bei mir nicht so ganz eingestellt - vielleicht braucht es dazu mehr als einen Band. Es war nett zu lesen, flüssig und mit handwerklich gut gemachtem Spannungsbogen erzählt; obwohl das Buch bereits 1944 erschienen ist, wirkt es nicht veraltet und überholt. Es sind eher die technischen Details, die es in eine frühere Zeit stufen; wo wäre es heute noch denkbar, dass die einzige Kontaktmöglichkeit auf einem Dorf darin besteht, einen Polizisten nebst Taxifahrer in der Dorfkneipe zu hinterlassen, wo das Postfräulein dann Nachrichten aus Paris übermittelt, und der Polizist sich dann mit dem Taxi zum Nachrichtenempfänger aufmachen muss.

Wie bereits erwähnt: es liest sich nett und flott, aber wirklich begeistert hat es mich nicht. Eine nette kleine Idylle, die hier geschildert wird, mit dem charmanten Detail der Geschichte des Holzbeins; die Hauptverdächtige, Félicie, ist als schillernder Paradiesvogel in der dörflichen Gemeinschaft auch ganz gut getroffen. Der Kriminalfall an sich - nun ja, der wirkt auf mich heute etwas bieder, ist aber in sich stimmig, wenn auch der Auflösung nur sehr wenig Raum gegeben wurde.

Als Zuglektüre werde ich sicher auch zukünftig ab und an nach einem Maigret greifen - aber dass auch ich in absehbarer Zeit zur Fangemeinde gehören werde, zeichnet sich für mich noch nicht ab.

Georges Simenon

Georges Simenon, geboren am 13. 2.1903 in Lüttich, hat im Laufe seines Lebens mehr als 300 Romane geschrieben. Am bekanntesten wurde sein Ermittler Maigret. Ständige Ortswechsel und manisches Schreiben bestimmen 30 Jahre sein Leben, bevor er sich in der Schweiz niederlässt. Er starb am 4.9.1989 in Lausanne.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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